Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Nebenaltäre von demselben 6000 M.,
die Fenster von Zeltler (München)
3500 M. Die Meister hüllen alle gut
gearbeitet. Die ganze Restauration ist
also Wohl auf 32 000 M. gekommen.
Ehre der Gemeinde für diesen Opfer-
sinn. Sie hat nun aber auch die Freude,
eine der anmutigsten Dorfkirchen ihre
Kirche nennen zu können.

Die neue Rirche von Unter-
boihingen.

Besprochen von Professor Dr. I. Rohr,
Tübingen.

Daß der Grundsatz: luter arma si-
lent musae selbst während eines vier-
jährigen Krieges und nach dein natio-
nalen Zusammeübiruch nicht.restlos gilt,
dafür sind die erfreulichen Mitteilungen
über Neubauten, Erweiterungen und
Erneuerungen in den letzten Jahrgän-
gen des „Archivs" beredte Zeugen. Auf
die Dauer muß sich die Katastrophe frei-
lich auch hier irgendwie geltend machen.
Jedenfalls sind alle die zu beglückwün-
schen, die bereits gebaut haben, und zu
diesen beati posslcleutas gehört auch
die Pfarrgemeinde Unterboihingen. Dem
Herzen des Landes und der Goldader
des Berkehrs nahegelegen, war sie längst
über den engen Raum ihres alten Kirch-
leins vom Jahre 1490 hinausgewachsen.
Eine Erweiterung verboten die Maß-
verhältnisse (Länge 14 st- 8 Meter, Höste
5,9 Meter) wie die Lage, und so schritt
man denn zum Abbruch (mit Ausnahme
des Turmes). Im Frühjahr (3. März)
begann man damit, im Spätherbst
(17. November) 1910 konnte' man schon
in das neue Heiligtum einziehen. Plan
und Voranschläge lieferte I. Codes, die
Bauleitung übernahm der leider inzwi-
fchen in Frankreich gefallene Werkmei-
ster Bottenschein. Die Innenausstat-
tung konnte gleichzeitig in Angriff ge-
nommen werden. Nur die Orgel ist die
alte göMeben. Dis Dimensionen sind:
Gesamtlänge 42,22 Meter, Breite 17,68
Meter,. Höhe bis zum First 18,5 Meter,
bis zum Gewölbescheitel 11,4 Meter.
Die Anlage ist dreischiffig, der Stil
spätgotisch, das Material Werkstein mit
Verputz. Die spitzbogigen Maßwerkfen-

ster des Bauplanes wurden, wohl aus
Sparfamkeitsrückfichten, im Langhaus
durch schlichte, rundbogige ersetzt. Ein
Vergleich mit der Kirche von Dottern-
hausen, mit der sich meines Wissens der
Architekt vor mehr als dreißig Jahren
in der Diözese eingeführt hat, legt sich
ohne weiteres nahe und ist nach mehr
als einer Seite hin interessant. Auch
dort Gotik (Frühgotik), dreischiffig, ohne
Maßwerk, Turm neu, die Dimensionen
nicht viel kleiner. Den Hauptunterschied
macht der Verzicht auf Wölbung des
Mittelschiffs in Dotternhausen, und
einen anderen, weniger in die Augen
springenden, aber mir sehr bedeutsamen
die Erbreiterung des Mittelschiffs ge-
genüber den Seitenschiffen in Unter-
boihingen (Sbitenschiffbreite n>ur 1,83
Meter, in Dotternhausen 3,71 Meter).
Das bedeutet einen sehr beachtenswerten
Gewinn an Uebersichtlichkeit und Weit-
räumigkeit, und namentlich auch freie
Bahn für den Blick auf den Hochaltar,
und die kleinen Rundfenster im Mittest
schiff zu Dotternhausen sind hier durch
richtige Rundbogenfenster ersetzt. Durch
die Gewölberippen und -selber kommt
Leben und Schwung in das Ganze und
ein angenehmer Wechsel von Licht und
Schatten erfreut das Auge. Auch die
Akustik ist eine treffliche. Der Erbauer
sah 100 000 M. Baukosten vor. Es wa-
ren tatsächlich für Grab-, Maurer- und
Steinhauerarbeit 49 754 M., für Gipser-
7051 M., für Zimmerarbeit 6597 M.,
für Glaser 1448 M., für Blitzableitung
676 M., für Flaschner 2042 M., für
Schlosser 1762 M., Schmiede 1428 M.,
Anstrich 724 M., Plattewboden 1967 M.,
Schreiber 5046 M., Bauführer 2781 M-,
Architekt 6000 M., Turmrenovation
1865 M., Platzanlage 1427 M., Reise-
kosten 172 M., insgesamt 94 308 M. zu
erlegen und mit den Ersparnissen hätten
noch die Altäre bezahlt werden können.
Es gab also nach Abschluß des ganzen
Werkes keine unangenehm^ „Ueber-
raschungen". Dieselben wären umso
peinlicher gewesen, als die arme Stif-
tung nichts aufbringen konnte. Ein
im Jastve 1898 gegründetes Bauverein
brachte ca. 20 000 M. auf, eine Lotterie
27 000 M., der Bonifatiusverein 10 000
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