Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Töne, gegen welche tue rauschende und
sinnlich berauschende Hochzeitsmusik nur
ödes Schellengeklingel ist. Diese trifft
nur ihr leibliches Ohr. Aber ihr Geist
flüchtet sich aus der Feier der weltlichen
Liebe, an der ihr Herz keinen Teil hat,
ins Gebet, und ihr Gebet wird zur Vi-
sion, zur milden Ekstase, in der sie
himmlische Weisen vernimmll) („Amor
divinus exstasim fiäicit" steht als In-
schrift auf einem Gemälde des Fra
Bartolomeo in Lukka, wenige Jahre vor
diesem gemalt, 1509H, 'in welchen die
Himmelsgeister dieselbe Liebe ausströ-
men lassen, in der ihr eigenes Herz
schlägt. Selbstvergessen und weltver-
gessen, ganz versenkt in die hynmodia
quae canitur ante sedein Dei el Agni,
dem Himmel näher als der Erde, ent-
sinkt ihrer Hand selbst ihr eigenes In-
strument, die Orgel. Vollends fernge-
rückt sind ihrer Seele in diesem Augen-
blick die Instrumente der weltlichen
Hochzeitsmusik. Sie liegen zerbrochen,
wertlos, klanglos zu ihren Füßen.
Während die weltliche Liebe ihr Hoch-
fest hält, feiert mitten ist seinem Lärm
die himmlische Liebe in Cäcilias Seele
ihre Hochzeit, die der Himmel selber
durch Engelsgesang verherrlicht. Zwei
Welten und zwei Arten von Liebe stehen
einander gegeniiber, dargestellt durch
zwei Arten von Musik, die geräuschvol-
len Organa* cantantia und den unhör-
baren, nur dem Himmel vernehmlichen
und vom Himmel selbst inspirierten,
ein Echo der himmlischen Gesänge bil-
denden, aber umso innigeren und selige-
ren Gesang in der Seele Cäcilias. Hei-
lige Liebe, welche weltliche Liebe und
ihre Hochzeitsfeier und -mllsik ver-
schmäht, dürfte der schöne Gedanke des
Bildes sein, die Liebe, welche im Him-
mel die Engelschöre zum ewigen Choral
begeistert und auf Erden in der reinen,
gottgeweihten Gottesbraut wiederklingt.

Sowohl das Hauptmotiv der Liebe
als das Hilfsmotiv der Musik liegen im
Rahmen, ja im Vordergrund der der
Darstellung zugrunde liegenden, der
Legende und Liturgie entnommenen

si ©ie Ekstase wirkt optisch und akustisch.
2) Justi, Raffaels Heilige Cäcilia in
Zeitfchr. f. christl. Kunst, XVII, S. 140.

inneren und äußeren Situation: die
Liebe macht die Braut des irdischen wie
des himmlischen Bräutigams. Liebe und
Musik stehen von jeher im Bunde:
weltliche Musik als Organ der irdischen
Liebe, heilige Musik als Organ der
himmlischen Liebe. Ist die Musik
Sprachrohr der Liebe überhaupt, so
kann sie auch in ihren verschiedenen Ar-
ten und- Ausdrucksmitteln dew himmel-
weiten Unterschied zwischen weltlicher
und heiliger Liebä illustrieren. Doch
ist es Wohl nicht n'ötig, auf unserem
Bilde den Gegensatz zwischen vokaler
und instrumentaler Musik zu urgieven.
Der Nachdruck liegt mehr auf der Ver-
schiedenheit des Schauplatzes (Erde und
Himmel). Auf dem Stich von Markan-
tonio führen die Engel Instrumental-
musik auf. - Immerhin mag die nach-
trägliche Korrektur derselben in Gesang
dem Gedanken dienen, durch den höher-
stehenden, mehr geistigen Gesang die
höherstehende Art der Liebe zu versinn-
bilden (vgl. Roth, S. 30 f.)

Das musikalische Element hat wirk-
lich nur die dienende Aufgabe der Sym-
bolik, wie Dr. Roth entdeckt hat: Die
irdische Hochzeitsmusik und die himm-
lische Engelsmusik wollen den Gegensatz
und die Spannung zwischen weltlicher
und heiliger Liebe illustrieren, welcher
die Situation und die Seele der hl.
Cäcilia beherrscht. Die Musik, auch die
Kirchenmusik, ist nicht das Thema (auch
nicht Nebenthema)^). Wohl hält Cäcilia
die Orgel in der Hastd und ist damit
in der traditionellen Weise als Patro-
nin der kirchlichen Tonkunst angedeutet.
Aber die Art, wie sie dieses ohnehin sehr
bescheidene Instrument hält, beweist
seine untergeordnete Bedeutung. Sie
läßt sie ihrer Hand entsinken, so daß
sogar einige Pfeifen zur Erde zu fallen
drohen. Gerade dieser Gestus ist sehr
sprechend und der geschilderten Situa-
tion entsprechend: hingerissen von der
heiligen Liebe und von den überirdischen
Tönen, die sie vernimmt, läßt die Hei-
lige ihr Instrument sinken und iver-
schwebt mit Sinn und Seele in das
Reich der himmlischen Harmonien, im
Vergleich zu denen aller Erdenklang

^ Kreitiiiaier,^Stimmen der ZeitTIBand 90,
S. 524.
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