Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Wertlos ist, und selbst das Organ der
kirchlichen Tonkunst verstummen muß.
Sonach wäre diese eher der weltlichen
Musik angenähert. Doch muß man sich
hüten, zu allegorisieren. Cacilia als
Patronin der Kirchenmusik könnte hoch- :
stens als Ankniipsungs- und Ausgangs-
punkt für die Darstellung des Haupt-
themas bezeichnet werden. Besser aber
sieht man in der Orgel eben das die
traditionelle Patronin -der Kirchenmusik
kennzeichnende Attribut^) nach Art
eines exltlleton ornans.

Es ist merkwürdig, daß Justi, der die
(himmlische) Liebe bereits als Grund-
gedanken postulierte, denselben in der
musikalischen Symbblik des Gemäldes
nicht durchgeführt hat. Ihm ist wohl
der himmlische Hochzeitsgesang der
Engel Begleiter des erhöhten Geistes-
zustandes der ekstatischen Liebe, aber er
unterscheidet zu. wenig zwischen der Mu-
sik oben und der Musik unten als den
grundverschiedenen, gegensätzlichen
Repräsentanten und Abbildern der hei-
ligen Liebe und der irdischen Liebe.
Nur im Vorbeigehen macht ihm die am
Boden liegende Jnstrumentengruppe, in
der „die Lärminstrumente etwas frei-
gebig bedacht sind" und die ja durch
i h r e n s ch a d h a 's t e st ^Zustand den
Eindruck des Minderwertigen, beinahe
Verächtlichen machen sollen, „fast den
Eindruck einer symbolischen Unterschrift".
Justi vermutet in diesen Instrumenten
kirchliche Musikgeräte (ganz im Wider-
spruch mit dem geschichtlichen Hinter-
grund des Bildes) und in der Art ihrer
Behandlung durch den Künstler die
Möglichkeit „einer Anspielung aus dm
malige Zustände der Kirchenmusik, deren
profane Entartung ja später die hestn
gen Angriffe aus dem tridentinischen

4) Cäcili-a kommt ja -zu bieser Eigenschaft
durch -ein unschuldiges Mißverständnis bes
legendengeschichtlichen und liturgischen Sach-
verhaltes. Derselbe spricht davon, d-atz Cacilia
cantantidu.? organis decantabat. Aus die sin
Hochzeitsinstrumenten macht d-i-e spätere Cä-
cilienverehrung eine ihren Gesang beglei-
tende Orgel und Me Heilige Zur Patronin
her 'Kirchen-Orgel-Musik. Raffael hat -also
dieses herkömmliche Attribut beibehalten,
aber im übrigen den cantantia organa in
den (-am Boden liegenden) Hochgeitsmusik-
instrumenten den legendengeschichtlich rich-

tigen Sinn Zurück-gegeben.

Konzil zur Folge hattet". Nach ihm
kontrasffert ihre Pielgestaltigkeit mit
der Einfachheit des himmlischen Ge-
sangs, vor dem sie verstummt sind.
„Was die menschliche Stimme im Ge-
biete der Tonkunst, das ist die Liebe im
Leben des Menschen. Ohne sie sind
alle seine Werke, was das an sich tote
Instrument ist ohne den belebenden
Odem und die spielende Hanh. Es soll
die Minderwertigkeit aller Gaben,
Aeußerungen, Zustände von bloß end-
lich-menschlichem Inhalt bezeichnet wer-
den, getrennt von dem geistig göttlichen
Urquell, dem Leben der Liebe, die alles
schasst und beseelt." Damit wird eine
di-e großzügige Einfachheit brechende
Mehrheit von Antithesen in die Kom-
position hineinint-erpretiert: Vielgestal-
tigkeit — Einfachheit,' tote Instrumente
— gespielte Instrumente; Instrumental-
musik — Vokalmusik; Weltsirm — hei-
liger Enthusiasmus; irdische Musik —
himmlische Musik. Diese Erklärung
steht noch unter dem Bann, der Mei-
nung, daß die Heilige als Patronin der
Kirchenmusik das Thema bilde; sie ver-
läßt und vdrwischt den zuerst ausgestell-
ten einfachen Grundgedanken des Ge-
gensatzes der irdischen und der himm-
lischen Liebe. Da hat gerade die Er-
klärung Roths klärend gewirkt durch
den Hinweis, daß die am Boden li-egen-
den weltlichen Musikinstrumente mit
kirchlicher Musik nichts zu tun ha-
ben und im kontradiktorischen Gegen-
satz stehen zum Engelsgesang.

Dagegen muß man Justi rückhaltlos
beipslichten in der Deutung der Vier
St. Cäcilia umgebenden Heiligengestal-
ten, welche alle in der Einen Idee' der
heiligen Liebe zusammenstimmen. Der
Sachverhalt springt in die Augen. Der
Künstler hat wirklich klassische „Heroen
der Liebe" -ausgewählt, welche alle vier
das eine Thema. Liebe je in persönlicher
Eigenart variieren. Paulus, der Schwert-
apostel, der sich in schwerem Kamps mit
Fleisch und -Blut zur reinen Liebe hin-
ausgerungen hat und gewürdigt wurde,
ihr unsterbliches Hohes Lied zu singen
(1. Kor. 13), und der (aus unserem
Bilde) den Blick in seliger Wehmut sin-
nend herabsallen läßt ans das „aes

' 4 5) Justi -g-, «. £>., S. 189.
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