Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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sonans et cymbalum tinaiens" zu
seinen (und Cacilias) Füßen, der auch
sonst gelegentlich die Sprache der Musik
redet (z. B. in demselben ersten Ko-
rinthefbrief 6. 14 das nach c. 13 im
Vergleich mit der Liebe minderwertige
Charisma der Glossolalie mit Instru-
mentalmusik vergleicht), quem caritiais
D;ei urget, der bis zum dritten Himmel
entrückt wurde und droben (wie Cacilia
auf dem Bilde) unaussprechliche Laute
hörte (2. Kor. 12, 2—4), dem es geoffen-
bart wurde, was kein Auge gesehen,
kein Ohr. gehört hat, was Gott denen
bereitet hat, die ihn lieben (1. Kor. 2, 9),
und Johannes, der Jünger der Liebe
der sich dem Adler gleich empor-
schwingt und an der Himmelspsorte den
Himmelstönen lauscht (vgl. Apok.
14, 2 f.), und Magdalena, der soviel Sün-
den vergeben! wurden, weil sie soviel
geliebt hat (Lk. 7, 47), deren Herz voll ist
von heiliger, seliger Liebe bis zum Tode
ihres Meisters und über dessen Grab
hinaus gleich dem Gesäß voll des köst-
lichen Balsams in ihrer Hand, und end-
lich Augustinus, das patristische Gegen-
stück des hl. Paulus, ihm verwandt
in seiner Geistesart und in seiner inne-
ren (teilweise auch seiner äußeren) Ge-
schichte: Gottesliebe war auch oer

Grundzug seines Wesens und seiner
Theologie, der Wahlspruch seines Le-
bens. Spät hat er Gott erkannt, spät
ihn geliebt, aber in seiner Bekehrung
hat sich ihm die Lieble in ihrer ganzen
Macht geosfenbart (vgl. Cons. IX. 2 sq.)
Die Kunst gibt ihm ein liebeslammen-
des Herz in die Hand°).

Drögen nun in der Auswahl und
Gruppierung dieser vier Personen noch
manche schöne Nebenzüge enthalten sein,
manche Akkorde mitklingen7), aus allen
fünf Gestalten klingt «13 Dominante
die heilige Liebe heraus, in der sie alle

6) Justi (S. 140, 142) findet auch bei Mag-
dalena und Augustinus —- wie bei Paulus
und Johannes — legendengeschichtliche Be-
ziehungen zur Musik.

7) Recht ansprechend scheint der /Gedanke
Roths, daß die Evangelienseite des Bildes
absichtlich einem Johannes und Paulus ein-
geräumt ist, aber nicht als den zwei Vertre-
tern der unverletzten Reinheit, sondern als
den beiden Evangelisten - was auch Paulus

im weiteren Sinn in Wort und Schrift ist.

zusammenstimmen, von der ihr ganzes
Wesen verklärt ist, welche ihre Seele
über die Erbe erhebt, die Brücke schlägt
zwischen dieser und jener Welt, in le-
bendigen Kontakt bringt mit der Him-
melswelt, deren Wunder schauen, deren
Weisen hören läßt.

Die Reinheit ist sachlich in der Liebe
gegebm, aber sie ist begrifflich von ihr
verschieden. Sie ist eine mehr negative
(wie schon das Wort andeutet) Tugend,
Voraussetzung und Grundlage der Liebe,
und wird erst, von dieser absorbiert, zur
positiven Seelenmacht und Lebensmacht
erhoben. Reinheit und Liebe lassen sich
in etwa vergleichen mit dem logischen
Verhältnis zwischen der negativen
remissio peccatorum und der positi-
ven 8auetiki6atio, den beiden Faktoren
der irmtikieatio. Aber der Unterschied
ist noch viel größer, weil die Reinheit
eine Einzeltugend ist, sachlich und be-
grifflich speziell, während die Liebe alle
umsaßt. Gewiß ist Cäcilia die reine
Braut Christi, und darum ist sie aus
dem Gemälde als reine Jungfrau
charakterisiert, etwa auch durch den Gür-
tel nach den Worten der Legende
„cilicio Caecilia membra domabat",
aber die Liebe ist größer, ist das
Erste an der Braut Christi und steht
auf unserem Bilde im Vordergrund.
Der Nachdruck liegt nicht aus der r e i-
nen Braut, sondern aus der Braut
Christi als solcher. Man könnte das
eine formelle Unterscheidung nennen.
Aber jeder Begriff bewegt sich in Gren-
zen (vgl. d e f i n i r e, mindestens so
gut wie die Farben des Prismas), und
auch bei Erklärung eines Kunstwerks
muß sich der Blick auf die Eine dem
Künstler mutmaßlich vorschwebende Idee
konzentrieren und darf nicht auf Nach-
barbegriffe abschweisen. Sonst leidet die
großzügige Einfachheit und ungebrochene
Klarheit, die jedem wahren Kunstwerk
eignet. Besonders mit den vrer Neben-
gestalten läßt sich nur die Liebe in rest-
loser Einfachheit vereinbaren, während
die Ausfassung von der ursprünglichen
und erworbenen Reinheit dem Beschauer
des Bildes zuviel Jnterpretationskunst
und Reflexion zumutet. Man würde
auch in der bildlichen D a r st e l l u n g
des himmlischen Singchors eine An-
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