Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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spielung aus die Szenerie Apok. 14, 4 er-
warten. Der Hinweis auf die oratio
super populum in fer. IV post Dom.
II Quadrag. könnte höchstens als Kon-
gruenz-, nicht als Fundamentalbeweis
gelten. Aber es ist überhaupt zweifel-
haft, ob die Oration unter innocentia
die sexuelle Unschuld versteht und
nicht vielmehr die durch die gött-
liche Heilsökonomie (der Mensch-
r>ett und der einzelnen Seele) wieder
erworbene Unschuld i m Sinn des
statns naturae pur|a<e. Soweit der
einzelne Mensch in Betracht kommt, ist
diese innocentia eher die allgemeine
Tausunschuld -als die durch Buße wie-
der 'erworbene Unschuld, insbesondere
die spezifisch geschlechtliche ^Unschuld.
Mit mehr Recht dürste man vermu-
ten, daß etwa das Oratorium der
hl. Cacilia aus dem Campo Marzo,
welches die 'Madonna- del D i v i n
Amore hießst, dem Künstler, bezw.
seinem Auftraggeber, bekannt und bei
Konzeption der künstlerischen Idee be-
stimmend war.

Die L^eiligblut-Reliquiare in Wein-
garten und Weißenau.

Von Stadtpsarrer Weser.

Unter den Reliquien des heiligen
Passionsbilutes, wjie, z. B. der unter
König Ludwig dem Heiligen als Ge-
schenk des Kaisers Balduin von Kon-
stantinopft nach Frankreich gekommenen,
der von Graf Dietrich von Elsaß 1148
nach Brügge gebrachten und einer unter
König Heinrich III. nach England über-
sührten, ragen auch drei solche Reliquien
hervor, die sich alle aus einem verhält-
nismäßig kleinen Landstrich im südlich-
sten Deutschland beieinander befinden,
nämlich die von Reichvnau, Weingarten
und Weißenau.

I.

Die Reichenau wird nie von einer
größeren Schar von Menschen zugleich
besucht, als am Montag nach dem Drei-
saltigkeitssonntag, an dem eine feierliche
Prozession mit der heiligen Blutreliquie
gehalten wird. Untnr den schattigen Kä-

st Justi «. a, £>., T. 137.

stanien des Reich,enauer Kirchplatzes
wogt eine tausendköpfige Menge hin und
her und wälzt sich dem Portal des Lieb-
frauenmünsters entgegen, von dem sich
die Prozession herausbewOgt. Die Rei-
chenauer Bürgerwehr in schmucker Gala
erwartet mit der Musik den Festzug mit
feisten Fahnen, Standarten, Heiligen-
statuen, Reliquiaren. Unter einem
Traghimmel nahen die amtierenden
Geistlichen, deren einer die schwere, kost-
bare Monstranz mit dem heiligen Blute
trägt. Unter Gebet, Gesang, Musik be-
wegt sich b'iie glänzende Prozession über
die Insel hin und wieder zurück ins
Münster'.

Die Reichenauer heilige Blutreliquie
schenkte einst Azan, Statthalter von
Jerusalem, an Karl den Großen. Ein
Teil dieses Geschenkes ist in Reichenau
und kam nach übereinstimmendem Urteil
der G schichtsschreiber dahin im Jahre
923.

Das Reichenauer R e l i q u i a r,
•aDge-ßitirbiet in Gagg, Führer durch die
Insel Reichenau, Konstanz 1906, S. 72,
stammt aus der Barockzeit, eine Arbjeit
in Silber mit reicher vergoldeter Orna-
mentik. Ueber einem niederen Fuß mit
Inschrift („Wer Christi Blut eifrig
ehrt, wird von Gottes Lamm gewiß er-
hört") ruht der Pelikan aus seinem Neste
mit feisten Jungen. Bon ihm aus schlingt
sich RebeNgeranke in die Höhe, in wel-
chem sechs Engel mit Leidenswerkzeugen
hinanschweben bis zu dem Gotteslamm
aus dem versiegelten Buche. Diese Um-
rahmung, die von einer Art Baldachin
umhüllt ist, schließt ein kostbar in Gold
und Edelsteinen verziertes Kreuz -ein,
das ans einer Seite -eine griechische In-
schrift aufweist. Nach Gerbert von Sankt
Blasien würde die Inschrift heißen:
„Herr! hilf dem Hilarius, dem Herrn
und Vorgesetzten des Klosters Tzeretha."

II.

Dieses Reichenauer Reliquiair über-
trisst an künstlerischer Feinheit und
materiellem Werte weit die bedeutendste
Heiligblut-Reliquie in unserem Lande,
die von Weingarten. Sie wird
aber von letzterer weit in Schatten ge-
stellt durch den Glanz der Berühmtheit
und die Ausdehnung der Verehrung,
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