Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 18
DOI Heft: 10.11588/diglit.22108.35
DOI Artikel: 10.11588/diglit.22108.40
DOI Seite: 10.11588/diglit.22108#0110
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1919_1921/0110
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
18

Welche bk SBeingortener Reliquie ge*-
meßt.

Der „Blutfreitag", der Freitag nach
Christi Himmelfahrt, ist alljährlich der
Festtag von Weingarten, der eine Masse
von Fremden anzieht, die zum heiligen
Blutsest wallen. Es beginnt am Vor-
abend mit einer Abendpredigt, Segens-
andacht und daran sich anschließender
imposanter Lichterprozession, die sich
durch die Straßen dev Stadt auf den
Kreuzberg bewegt. Der Blutfreitag
selbst sieht >ln den Straßen und Gassen
ein riesiges Menschengewimmel. Vor-
dem Krieg hat die Zahl der Festbesucher
jährlich 40 000 biis 60 000 Personen be-
tragen aus dem Oberland, Baden, der
Schweiz, Vorarlberg, Bayern. Es ist
fürwahr ein Hochfest nicht nur siir
Weingarten, sondern für das ganze
Oberland.

In der Morgenfrühe des Tages sam-
men sich die Festteilnehm-er und als be-
sondere Weingartenvr Eigentümlichkeit
die R e i t e r g r u p p e n, die dem Fest
den Namen „Blutritt" gegeben ha-
ben. Um 6 Uhr morgens ertönen die
mächtigen Klänge der großen Hosanna-
glocke, die seit über 400 Jahren, seit 1490,
das Fest einläutet, vom Turnt- der
schönsten und geräumigsten Barockkirche
des 18. Jahrhunderts, die Bischof von
Keppller einmal „die Königin aller
Klosterkirchen, den Stolz und Ruhm
Oberschwabens, den Sankt-Peters-Dom
Württembergs" benannt hat. Seit dem
Jahr 1724, wo dieselbe an Stelle eines
1182 ein geweihten, nach einem zerstören-
den Brande 1216 und 1247 aufs neue
gebauten Münsters auf dem Martins-
berg mit großartiger Pracht nach dem
Bauplan von Franz Beer von Bezau
und nach Verbesserungen von dem her-
zoglich württember gischen Baudirektor
Joseph Donat Frisoni erbaut wurde,
birgt diese St. Martinskirche die kost-
bare Reliquie des heiligen Blutes, die
nun am Blutfveitag ihren Ehrenzug
durch Weingarten hält.

Aus dein heiligen Blutaltar (Kreuz-
altar) wibd das Reliquiar aus seinem
festen Verschluß entnommen, in Prozes-
sion durch die Kirche geleitet und vor-
dem Portal einen: Geistlichen, dem „Hei-
ligblutritter" übergeben und nun fetzt

sich der Zug in Bewegung. Vorair schrei-
ten zu Fuß die Stand esver eine von
Wüngarten und der Nachbargemeinden.
Darauf folgt die erste Hälfte der geord-
neten Reitergruppen, oft begleitet von
ländlichen Musikkapellen. In der Mitte
des Zuges wird von drei Männern die
Heiligblutfahne getragen vor dem KA-
chenchor. Von Laternenträgern und rei-
tenden Standartenhaltern umgeben, rei-
tet auf reich geziertem Pferde der Prie-
ster, der das Reliquiar trägt und das
Volk mit der Reliquie segnet. Ihm
schließt sich eine Anzahl von Geistlichen
zu Pferde an, bekleidet mit Chorrock
und roter Stola. Es folgen die Reiter
von Weingarten und die zweite Hälfte
der Reitergruppen und dann einzelne
Reiter. Den Schluß bildet eine Unzahl
von Volk zu Fuß. Bei der Rückkehr der
Prozession wird durchs Hauptportal ein-
gezogen und das Reliquiar auf einen:
prachtvoll gestickten, rotseidenen Kissen
befestigt und! zum nochmaligen Segen
erhoben. Dann bleibt es während des
Hochamts über dem Altar !aus gefetzt..
Der Gesang des Kirchenchors und die
wundervollen Töne der von Gabler aus
Ochsenhausen 1737—1750 erbauten gro-
ßen Orgel mit ihrem hell tönenden
Glockenspiel verherrlichen den festlicher:
Gottesdienst, der etwa 10% Uhr sein
Ende nimmt.

Die Besonderheit dieses Festes besteht
hauptsächlich in der R e i t e r p r o z e s-
s i o n, im Blutritt. Früher waren
solche Reiter-Prozessionen häufiger. Es
gab St. Leonhardsritte, wie heute noch
in Bayern und Oesterreich, einen Colo-
mannusritt in Wetzgau, von dem heute
noch ein Bild in: dortigen Pfarrhaus zu
sehen ist.

In alter Zeit muß der Weingartenec
Blutritt noch viel großartiger gewesen
sein. In: Jahr 1646 zählte man 1200
Reiter. Von 1701—1753 nimmt ihre
Zahl stetig zu, um 1753 die Zahl von
'7056 Blutrittern zu erreichen. Infolge
der Säkularisation kam der Ritt in
Verfall. 1835 wurde er von der Regie-
rung verböten und erst 1849 wieder ge-
stattet. Seitdem nimmt die Beteiligung
wieder zu. 1914 waren es 1200 Reiter,
1920 zählte man 1100. -

Im Lauf der früheren Jahrhunderte
loading ...