Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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■elftem Stück bestand. Dieser neue Kri-
stall ist muschelförmig und zu Frei-
burg i. Br. geschliffm. Er ist mit einer
in die Mitte gebohrten Höhlung ver-
sehen. Am 10. März 1736 würbe die
Reliquie darin eingeschlossen, die Höh-
lung mit Mastix verklebt und mit dem
Abtssiegel versiegelt. Von diesem drit-
ten Reliquiar besitzen wir Stichle von
Göz und Klauber und Verhelft. Seat'
Abbildung siehe bei Busl, Die ehemalige
Benediktinerabtei Weingarten, S. 46.

Das Reliquiar hatte ein trauriges
Schicksal, es berftel 1809 der Säkulari-
sation. Sein Wert wurde damals ge-
schätzt auf 70-000 Gulden. In den
Miscellanea Monasterii Weingarten*
sis von P. Placidus Mayr 1802—1812
wird berichtet:

„Den 13. März 1809 wurde alles noch
übrige Kirchensilber, Kelche, Monstran-
zen, wie selbst das heilige Blutgefäß
samt allen reichen Kirchenparamenten
nach Stuttgart abgeführt. Der Wert
alles dessen wurde auf 291 062 Gulden
geschätzt." Die ganze Herrlichkeit ist in
Stuttgart spurlos verschwunden (S.
Lindner, Profeßbuch der Benediktiner-
abtei Weingarten, S. VII und 3 und
139).

4. Das vierte Reliquiar, das
heute noch in Gebrauch ist, das wilr hier
abbilden, wurde als Ersatz des von der
württembergischen Regierung weggenom-
menen, von derselbtn Regierung nach
Weingarten gegeben. Es ist eine Nach-
ahmung des dritten Reliquiars, von
dem nur der Kristall erhalten geblieben
ist mit der schmalen, goldenen Elinfas-
sung, von welcher unten ein Stück aus-
gebrochen ist. Das Reliquiar selbst ist
aus Kupfer und vergoldet und mit un-
echten Steinen besetzt. Es kostete die
Regierung bare 160 Gulden (s. Lindner
a. a. O. 139, nach anderen 176 Gulden).
In neuerer Zeit hat dasselbe wieder
kostbaren Schmuck erhalten: Oben am
Rundbogen funkelt ein von Brillanten
■eingefaßter Rubin. Er ist laus der Bu-
sennadel entnommen, die der verstorbene
Musikdirektor August Gerum anläßlich
seiner Dienstleistung bei der Einweihung
der Welfengruft von König Georg von
Hannover als Geschenk erhielt. Nach
dem Tode Gerums 1885 wurde die Zier

als Weihegeschenk gestiftet. — Unter-
halb des Kristalls ist ein sehr schöner
Smaragd eingesetzt, eine Gabe Ihrer
Durchlaucht der Fürstin von Waldburg-
Wolfegg.

III.

Nicht in so hellem Festes glanz und
nicht mehr in so strahlendem Gepränge
wie die Weingartener Reliquie keuchtet
die Heiligblutreliquie von Weißenau.
Die Augia minor oder Augia allda,
Augia candida, nach dem weißen Ge-
wände ihrer Mönche so genannt, ist die
Stiftung eines reichen welfischen Dienst-
mannes GeAizo von Ravensburg, der
1145 dem aufblühenden Orden dles hei-
ligen Norbert, den Prämonstratensern,
die ihm gehörige Gegend an der Schüs-
sen schenkte, wo heute das Kloster steht.
1166 Bau des Klosters, 1172 Vollendung
der Kirche, wahrscheinlich eine stattliche
romanische Basilika mit fünf Absiden
und sechs Altären, deren letzter 1215
von Bischof Konrad von Konstanz ge-
weiht Wurde. Das Kloster hatte in sei-
ner Frühzeit viel mit Armut und Not,
unter Raubeinfällen und Plünderungen
seitens übelwollender Nachbarn zu kämp-
fen und kam dadurch in drückende Ver-
schuldung. Aus diesen Nöten wurde es
befreit durch seinen großen Wohltäter-
Kaiser Rudolf von Habsburg. Außer
der Bezahlung von Schulden und Aus-
stellung von Schutzbriefen schenkte er
dem Kloster 1283 eine kostbare Reliquie
vom Blute des Herrn, weswegen das
Kloster den Kaiser als seinen zweiten
Stifter verehrte. Dies geschah unter
dem tatkräftigen Abte Heinrich von An-
kenreute 1279—1284.

Nach längerer ruhiger Entwicklung
brachen zur Zeit d-w Bauernkriege und
des Dreißigjährigen Krieges neue schwere
Betrübnisse über das Kloster herein.
Kaum recht erholt, wagte es einen
gründlichen Neubau von Kloster und
Kirche, der sich aber durch die lange Zeit
von 1708—1784 hinzog. Der Grund-
stein zu der schönen Barockkirche mit
ihren beiden Türmen wurde gelegt 1717,
und 1724 wurde ‘bte Kirche unter Abt
Michael Helmling eingeweiht zu Ehren
der beiden Apostel Petrus und Paulus.
Diese Kirche ist es, welche die Reliquie
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