Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 23
DOI Heft: 10.11588/diglit.22108.35
DOI Artikel: 10.11588/diglit.22108.40
DOI Artikel: 10.11588/diglit.22108.41
DOI Seite: 10.11588/diglit.22108#0115
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1919_1921/0115
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
23

bildeten, mit Brillanten besetzten Stelle,
wo das heilige Blut sich befindet, halten
Engst -eine Krone. Das Gefäß wird
gekrönt durch ein gut stilisiertes Kreuz,
zu dessen Seiten die Figürchen von
Marta und Johannes angebracht sind.
Kreuz, Maria und Johannes sind Mer
als der Kristall und dessen Fassung und
möglicherweise von einem früheren Ge-
fäß auf das spätere übertragen. Die
Fassung enthält eine Umschrift 'in latei-
nischen Minuskeln. Sie heißt: San-

guis verus Jesu|Christi sub cruce
a. s. Maria Magdalena collectus, me-
moriale aug. domus Austriae a 1283
Augiae donatum, ab Augio auro
gemmisque exornatum; reliquiae de
s. cruce, spina coronae Christi, de
capillis BMV, plures aliae reliquiae.
Den Dorn schenkte Kaiser Leopold 1689 j
und legte ihn eigenhändig, in das HÄig? :
Blutgefäß zu Augsburg, wohin Abt
Michael Mußacker dasselbe verbracht
hatte.

D-as Reliquiar von Weißenau 'ist be- i
deutend wertvoller als das von Wein-
garten. Es ist von echtem Gold? und
die Arbeit ist sehr deich und sorgfältig,

-in vorzüglichem Barock. Glücklici er-
weise ist dieses Werk der Säkularisation
und anderen Langfingern bis jetzt ent- !
gangtzn. Auf unserer Abbildung ruht
das Reliquiar auf einem kunstvoll : e-
stickten Kissen, auf dem es auch sonst aus-
gestellt wird.

Runstnotizen.

Es ist tief bedauerlich, daß ein be-
deutendes Kunstwerk des deutschen Sü-
dens nach Norden verschleppt wurde.
Es ist eine Skulptur: „CH r i st u s mit
Johannes", die dem Waisenhaus
Nazareth bei Sigmaringen gehört h-at.
Um 100 000 M. soll sie an das Kaiser-
Friedrich-Musenm in Berlin verkauft
worden sein. So geht ein Werk nach
dem anderen aus unserem Süden fort,
der doch gerade die Heimat dieser Dar-
stellung war. Man sollte es nicht für
möglich halten, daß selbst Anstalten dem
lockenden Reiz des Geldes nicht mehr
widerstehen können. Man sollte wahr-
haftig meinen, daß in diesen Anstalten
die Pietät gegen diese Werke der Fröm-

migkeit alter Zeit, gegen diese Werke,
die so lange Jahrhunderte hindurch Ge-
genstand religiöser Verehrung waren,
noch eine Heimstätte finden könnt?.
Wir Geistliche zumal haben doch die
heilige Pflicht, diese Zeugen nicht nur
einer alten Kunst, sondern diese Zeugen
altön Glaubens, alter Frömmigkeit,
diese Erwecker so vieler religiöser Emp-
findung und religiösen unseren'

Kirchen, Kapellen um jeden Preis zu
retten. Nicht das Museum ist die wahre
Heimstätte dieser Bildwerke, sondern das
Gotteshaus, nicht das Museumspubli-
kum sind deren rechte Kenner, sondern
die Besucher des Gotteshauses. Die
Idee, die diese Werke geschaffen hat, die
sie erhalten hat, die in ihnen lebt und
webt und ihre Eindrücke'auf den Gläu-
bigen auswirkt, findet ganz gewöhnlich
keinen Weg zu den Seelen des Museums-
publikums. Wie jammerschade, daß wir
unseren Reichtum wegwerfen! Wie be-

D i e Beweinung von H e u d 0 r f.

trübend, daß wir unsere Verarmung
nicht mehr zu fühlen scheinen!

The verkaufte Figur stammt aus dem
Anfang des 14. Jahrhunderts. Sie ist
abgebildet in Baum, Deutsche Bildwerke
des 10. bis 18. Jahrhunderts, S. 23.

In der aus dem 15. Jahrhundert
stammenden Kirche von Hatten-
hofen wurden inr Mai 1920 wertvolle
Wandmalereien aus der Zeit von
1450/60 entdeckt, eine schöne Passion
Christi, die auf Anraten des Landes-
konservators freigelegt und -erhalten
werden soll („Staatsanzeiger" 1920,
18. Mai).
loading ...