Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Eine „Beweinung" in Heudorf bei Ried-
lingen.

Ein glücklicher Stern hat der Pfarr-
gemeinde Heudorf ein kostbares Kunst-
werk aus der besten Zeit der fchwübifchen
(Ulmer) Schule aus -all den vielen Stür-
men gerettet, welche über die lieblichen
Kinder der alten christlichen Zeiten da-
hingegangen, fo viele derseWien aus Kir-
chen und Kapellen entfernt, vernichtet
oder in muffige Sammlungen eingeker-
kert oder in die Gefangenschaft des Aus-
landes verschleppt haben. — Als die
Reichsfreiherrn von Stotz in gen im
Jahre 1471 die Herrschaft Heudorf von
den Freiherrn von Hornstein samt Schloß
um 6000 Gulden erkauft hatten, wurde
mit Konsens des Domkapitels von Kon-
stanz die alte, vor dem Ort heraus-
stehende St. Oswaldikap lle abgebrochen
und in der Nähe des Schlosses neu er-
baut. Die noch brauchbare Jnnenaus-
stattung der alten Kapelle mußte in die
neue übergeführt werden. Es heißt im
Stiftungsbrief der 1608 errichteten
Schloßkaplanei: „Die heilig"n Sakra-
ment, so bisher in der alten Kapell ge-
halten und gewest, sollen in die neue
Kapelle getan und wie« sich ziemt und
gebührt, gehalten werden. Die Luch^
ter und Ampeln fo in bemelt-r alten
Kapell von alters her gebrennt, sollen
in derselben neuen Kapell ehrfambtlich
brennen und zünden; die heiligen Sa-
kramente und Heylthumb samt allen
andern Gotteszierden mit ihren Zuge-
hörten, Glocken, Tafeln und anderes
Gotteszier fleißiglich bewahren." Ein
Stück dieser alten „Zierden" ist eine
wunderbar schöne und sehr gut erhaltene
sogenannte „B e w ei i n u n g" oder
„V e s p e r b i l d, wie es auch in einer
Stiftung der Freifrau Johanna Fran-
ziska von Stotzingen aus dem Jahre
1697 genannt wird. Darin ist bestimmt,
daß der Mesner in der Kirche vor dem
Vesperbild, wenn jemand stirbt,
auch an allen unserer Lieben Frauen
Abend einen heiligen Rosenkranz beten
solle". Danach war das Bild sicher in
der zur Kirche erweiterten Schloßkapelle.
Als die Kapelle oder Kirche später, wahr-
scheinlich 1728 (nach -einer Inschrift am
Plafond der Kirche), eine Barockinnen-
ausstattung erhielt und das gotische Bild

nicht mehr dazupaßte, wurde es rn eine
mit Glas verschlossene Nische der Vor-
halle der 1662 erbauten LoMokapelle
(jetzt Gottesackerkapelle) verbracht. In
der allerletzten $ei± hat das Bild die
Aufmerksamkeit ber Altertumshändler
auf sich gezogen, und um es gegen eine
gewaltsame Entführung zu sichern,
haben wir es jetzt in ‘bae Kirche übertra-
gen und auf dem linken Nebenaltar auf-
gestellt. Es ist beabsichtigt, dasselbe
später wieder in die genannte Vorhalle
zu verbringen und mit besserem Ver-
schluß zum Hauptbild eines Krieger-
gedächtnismales zu verwenden, d. h.,
w-nn es uns erhalten bleilt. Die Alter-
tumshändler haben nämlich im letzten
Monat sehr hohe und manche der Bür-
ger sehr verlockmde Angebote gemacht.
Schon einmal sind der Pfarrgemeiude
alte Bilder verschleudert worden. Im
alten Kirchenkonventsprotokoll von 1847
lautet ein Beschluß: „Auf der Kirchen-
laube dahier befinden sich zwei ent-
behrliche alte geschnitzte Holzbilder von
ganz unbedeutendem Wert. Da Herr-
Dekan Professor Dr. Dursch in Wurm-
lingen dieselben käuflich an sich bringen
möchte, so wird beschlossen: dieselben
Herrn Dkan um billigen Preis zu über-
lassen: Kirchenkonvent: Pfarrer von

Sallwärk, Schultheiß Bändel usw." —
Der genannte Dekan ist der nachmalige
Kirchenrat, Dekan mtb' Stadtpfarrer
Dursch von Rottweil, der bekannte Kunst-
kenner und eifrige Sammler. Dieser
hat jedenfalls die Bilder höher taxiert
als die Heudorfer, sonst hätte» er sie nicht
erwerben wollen. Wir möchten fast als
sicher annehmen, daß es Geschwister des
uns noch gebliebenen Bildes gewesen
sind; sie werden jetzt die Rottweilet
Sammlungen „zieren". — Da wir eine
photographische Aufnahme unseres „Ves-
perbildes" dem „Archiv" bieten können
und der Leser den Charakter und die
Schönheit desselben selbst herausfinden
wird, beschränken wir uns auf wenige
Bemerkungen zu demselben. Die mitt-
lere Höhe beträgt 1,15 Meter, die untere
Breite 1,66 Meter, der Cbristuskörper
hat die Länge von 1,30 Meter. Die
Figuren sind aus Lindenholz, nicht ganz
vollrund und auf der Rückseite bis zum
Hals ausgehöhlt. Im Jahre 1848 hat
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