Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Rediaiert von Stabtpfarter Rudolf Weser, Ulm-Söflingen.

Eigentum des Rottenburger Diözesan-Ruiistvereins e. P.;
Rommiffions-Verlag und Druck der Aktie,i-Gesellschaft Deutsches Polksblatt in Stuttgart.

Or. z.

Erscheint in Vierteljahrsheften.
Bezugspreis jährlich l%2 Warf.

XXXVIII/XXXIX

1920/21.

Die neue Kunst.

Ein Beitrag zum Verständnis moderner
Kunstbestrebungen.

Von Kaplan König, Obermarchtal.

Das Seelenleben einer Zeit spiegelt
sich in der jeweils herrschenden Kunst-
aufsassung. Bei aller äußeren Hoch-
kultur kann die Kunst im Zeichen des
Niedergangs stehen. Mit dieser Erschei-
nung im Völkerleben ist unsere Genera-
tion ausgewachsen. Je mehr die Kultur
der Seele vernachlässigt wurde, desto
mehr wurde der Mensch bloßes Instru-
ment und Werkzeug seiner eigenen Er-
rungenschaft. Die Maschine hat dem
Menschen die Seele genommen. „Kann
wohllder Mensch dazu bestimmt sein, über
irgend einem Zweck sich selbst zu ver-
säumen?" So fragte Schiller, und die
Antwort deucht uns selbstverständlich.
Daß es nach hundert Jahren Menschen
geben werde, die den unmenschlichen Ver- ■
such machen, der äußeren Kultur des
Lebens die innere zu opfern, hätte der
Dichter nicht zu denken gewagt. In die-
sem seelenlosen Zeitalter wurde auch die
Kunst immer mehr ein seelenloses Kind,
entsprechend der materialistischen Welt-
anschauung des letzten halben Jahrhun-
derts, des Zeitalters Darwins und Häk-
kels. Man verstand jetzt unter Kunst
die Wiedergabe „des mit den gesunden
fünf Sinnen durch die Brille des Tempe-
raments Gesehenen". Das ist die impres-
sionistische Kunstaussassung oder der Im-
pressionismus — Eindruckskunst. Her-
mann Bahr bezeichnet in seinem Buch
„Expressionismus" den Impressionis-
mus als den Abfall des Menschen vom

Geist. Wenn das wahr ist, dann trägt
diese Kunstrichtung von Anfang an die
Merkmale des Niedergangs in sich. War
schon zur Zeit der Renaissance das Be-
streben in der Malerei aufgekommen,
das Sehen des Menschen von seinem
Wissen mehr und mehr losgelöst darzu-
stellen (vgl. die Verwendung der gesetz-
mäßigen Perspektive), so ging der Im-
pressionismus darin noch einen beträcht-
lichen Schritt weiter, und die Folge war
die immer mehr fortschreitende Entgeisti-
gung des dargestellten Sehaktes; frei-
lich nicht im Sinne der Renaissance,
sondern gerade entgegengesetzt. Der
Impressionismus sucht nicht einzelne
Gegenstände oder ihre Zusammenfügun-
gen als einen Organismus darzustellen,
sondern er begnügt sich, den ganzen
Komplex, die Natur in ihrem Zusam-
menhang zu beleben, wobei das Einzel-
objekt an Klarheit und Selbständigkeit
verlor. Daß dabei dennoch jede Einzel-
heit ein brauchbares Glied des Ganzen
bildete, war der raffinierten Fleckentech-
nik zu verdanken. Der Impressionist
ging in seiner Themenwahl aus solche
Stücke Natur aus, die ihm den Gesamt-
eindruck erleichterten: Fernbilder, die

„im Medium von Licht und Lust zu-
sam menflossen". Dieses optische Expe-
riment, das eine gehörige Entfernung
vom Bild zur Voraussetzung hatte, war
nicht uninteressant, verfiel jedoch durch
seinen Anspruch auf „reine Wissenschaft"
der Lächerlichkeit. Es war zu allen Zei-
ten eine zweifelhafte Ehre für die Kunst,
ins Schlepptau der Wissenschaft zu kom-
men. Diese Ehre glaubte die Renaissance
der Kunst erweisen zu müssen durch die
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