Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Verbindung mit mathematischer Per-
spektive und medizinischer Anatomie.
Doch weit entfernt, einer Epoche die
Kümmerlichkeit ihrer Theorie Vorhalten
zu wollen, verhehlen wir nicht, daß auch
der Impressionismus imstande war,
Ausdruck zu geben, denn jede Kunst hat
ihren Ausdruck. Daß die Kunstanschau-
ung des Impressionismus von vorn-
herein auf falschen: Boden stand, soll da-
mit nicht widerrufen werden. Ja, es ist
heute noch bedauerlich, daß man seine
Herrschaft geradezu eine „bürgerliche"
nennen konnte, denn spielend hatte sich
diese Kunstanschauung in der Denkungs-
weise weitester Kreise festgesetzt. Man
verzichtete auf das Wesenhaste des Bil-
des. „Daß sie ihre Bilder nicht ausfüh-
ren" — fand man vielfach interessant,
wurde zwar auch verübelt. Was des
Menschen Geist in seelenvolleren Zeiten
dem äußeren Reiz hinzufügte, das schei-
det der Impressionist aus; da wird nichts
im Innern verarbeitet: darum auch kein
Anteil des Menschen an der Erscheinung.
„Bevor die Natur noch in die Seele ge- .
drungen ist, wird sie abgefangen." Die
Philosophie hat schon vor hundert Jah-
ren das Urteil -gefällt über diese An-
schauung. „Gedanken ohne Inhalt sind
leer, Anschauungen ohne Begriffe sind
blind," sagt Kant; auch Schopenhauer
hat das impressionistische Sehen richtig
gezeichnet mit den Worten: „Unter al-
len Sinnen ist das Gesicht der feinsten
und mannigfaltigsten Eindrücke von
außen fähig; dennoch kann es an fich
bloß Empfindung geben, welche erst
durch Anwendung des Verstandes auf j
dieselbe zur Anschauung wird. Könnte
jemand, der vor einer schönep, weiten
Aussicht steht, auf einen Augenblick q|-
len Verstandes beraubt werden, so würde
ihm von der ganzen Aussicht nichts üb-
rig bleiben als die Empfindung einer
sehr mannigfaltigen Affektion der Re-
tina, den vielerlei Farbenflecken auf
einer Malerpalette ähnlich, welche gleich- -
sam der rohe Stoff ist, arrs welchem vor-
hin sein Verstand jene Anschauung schuf"
(der Satz vom Grunde § 21). Damit
hat Schopenhauer das künstlerische Se-
hen unserer Zeitgenossen klar gezeichnet.
Soweit muß es kommen, wenn man den
Sinnen allein vertraut und irre gewor-

den ist an den Kräften der Seele, wenn
man, wie der Impressionist, die Erschei-
nung loslöst vom Beobachter. Dagegen
hat sich schon Goethe gewendet: „Die Er-
scheinung ist vom Beobachter nicht los-
gelöst, vielmehr in die Individualität
desselben verschlungen und verwickelt",
und an einem anderen Ort: „Alle, die
ausschließlich die Erfahrung anpreisen,
bedenken nicht, daß die Erfahrung mit
die Hälfte der Erfahrung ist".

Unter der Seelenlosigkeit des Im-
pressionismus litten schon vor dem Krieg
vereinzelte Künstler und gingen ihre
eigenen Wege. Im Jahre 1908 ist schon
die Rede von der Selbständigkeit der
Form, als Ausdruck einer inneren
Notwendigkeit. Seitdem hat der künst-
lerische Kritizismus, besonders in den
Kreisen der jüngeren, nicht mehr aufge-
hört. Freilich, der Standpunkt der jün-
geren Generation von heute ist nicht
allein maßgebend bei der Beurteilung
des Impressionismus. Denn die heu-
tige Jugend wiederholt nur, was zu allen
Zeiten der neue Stil mit dem jüngst
vergangenen gemacht hat. Die Jugend
anerkennt keinen Ausdruck, als den ihri-
gen, und damit fällt die ganze Vergan-
genheit.

Es ist jedoch unverkennbar, daß seit
dem verlorenen Krieg die materialistische
Weltanschauung immer mehr an Boden
verliert. Dieser Vorgang blieb nicht ohne
Einfluß auf die Kunstanschauung und
zwingt uns zur Neueinstellung der Be-
trachtung dieser Vorgänge.

Auf politischem und sozialem Gebiet
hat die Revolution in unfern Tagen den
Versuch gemacht, die bestehenden Ver-
hältnisse von Grund aus neu zu gestal-
ten. Auch auf künstlerischem Gebiet hat
eine Revolution eingesetzt, die alles bis-
her Dagewesene verdammt. Schon vor
dem Krieg tauchten die ersten Vorboten
auf. Sie hießen sich Futuristen und
Kubisten, und erregten damals in den
Kreisen traditioneller Kunst großes Auf-
sehen. Die Seelenlosigkeit des Impres-
sionismus war ihnen zum Ekel. Neue
Gefühle kamen eruptiv zur Entladung,
die notgedrungen immer phantastischere
Formen annahmen, je größer das Ge-
lächter wurde.. Die Jünger dieser Kunst
führten alle Kunstformen auf die ein-
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