Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

Seite: 36
DOI Heft: 10.11588/diglit.22108.48
DOI Artikel: 10.11588/diglit.22108.49
DOI Seite: 10.11588/diglit.22108#0128
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1919_1921/0128
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
36

„Da hat sich ein Schrei erhoben aus
der gequälten Seele der Menschheit. .
Verschüttete Vergangenheiten wachen
zu neuem Leben aus . . . Die Zeit, die
kommen wird, wird von religiösem Geist
getragen sein. Statt realistischer Kunst
symbolische Kunst." „Bäume, Seen
und Gewitterwolken wachsen an zu sym-
bolischen Naiurmächten, und wenn
Eberz um den betenden Krieger die ver-
gängliche Natur in ihrer Haltlosigkeit
kreisen läßt, während groß, klar und
ewig sich die Vision des Kreuzes erhebt,
— da liegen Kunstwerke vor, deren in-
nerem Wesen die impressionistische
Kunsttheorie hilflos gegenübersteht" . . .
„und wenn van Gogh in seinem Bild
„Der Kerkerhof" die Sträflinge zwischen
kahlen, kalten Mauern hilflos im vor-
geschriebenen Kreise trippeln läßt, ist
dieses Bild nicht das Symbol der Ker-
kerhast unserer Seele?"

Eine ungeahnte Fülle von Ausdrucks-
möglichkeiten, auch für' die Religion,
sieht Max Fischer in der neuen Künste
die dem Impressionismus verschlossen
blieben. Wohl habe auch der Impressio-
nismus versucht, religiöse Themate zu
malen; aber er griff nach diesen Moti-
ven nicht aus seelischer Erschütterung,
sondern aus sinnlicher Freude. Selbst
bei der Darstellung des Gekreuzigten
z. B. von Lonis Corinth, ward der
Effekt zum Zweck: hier verzehrende
Körperpein, dort grinsende Wollust der
Henker. — Keine Ahnung von der Welt-
tragödie aus Golgatha, nichts von der
überragenden Gestalt eines Gottmen-
schen. Und Jesus auf den Bildern
Uhdes?. Aeußerlich zwar an die Schrift
angelehnt, aber kein ewiger Christus,
keine überirdische Gestalt, kein Wunder-
täter, sondern ein „sozialer Typ", ein
Kleinbürger aus Nazareth, farblos —
ein „Vegetarier mit gemütlichem Um-
hängebart, der mit pietistischem Augen-
aufschlag die Kindlein zu sich kommen
läßt." Das Prinzip l’art pour l’art
macht keinen Unterschied zwischem heili-
gem Symbol und täglicher Naturbetrach-
tung. Der Expressionismus rechnet es sich
heute schon zum Verdienst an, den Weg
wieder gewiesen zu haben, zur wahren
Kunst, vor allem auf religiösem Gebiet,
zu jener Kunst, die zur Trägerin trans-

zendenten Erlebens wird, die eine Ahnung
hat von übersinnlicher Ergriffenheit,
so wie „Mpria im Rosenhag", so wie die
Werke Hans Baldungs, so wie Hans
Fries die Stigmatisation des heiligen
Franz malte. Es ist jedoch zweifellos,
daß es für einen Expressionisten ein ge-
wagtes Beginnen ist, sich auf das reli-
giöse Gebiet zu begeben, das lehrt be-
reits die Erfahrung. Einen Maler-
Emil Nolde, z. B. können wir nicht ge-
nug warnen, die heilige Legende zu
traktieren. Mit der Virtusität der Ge-
staltung und öer Intensität der Farben
ist ein Bild noch nicht religiös. Wo ist
bei ihm die fromme Innigkeit einer
„Maria' im Rosenhag"? Sein Madon-
nenbild, vor dem die Bekehrung der
Maria laegyptiace vor sich geht, ist
derart gehaltlos und unbeholfen, von
Innigkeit und Verklärung soweit ent-
fernt, daß kein Mensch glaubt, vor die-
sem Bild habe sich jemals eine Sünde-
rin bekehrt. Auch die Sünderin selbst,
die händeringend am Boden kniet in
„bestialischer Verzweiflung", wirkt auf
den Beschauer abstoßend, während doch
zu allen Zeiten die Bekehrung ein lieb-
liches Bild bot. Vermessenheit und Ver-
zweiflung ist nicht die Signatur eines
reuigen Sünders, sondern „gläubiges
Leuchten christlicher Demut". Solang
ein Maler das nicht unterscheiden kann,
soll er seine Kunst lieber auf profanem
Gebiet ausüberx. Wenn der Expressio-
nismus auf religiösem Gebiet halten
will, was er verspricht, so wird es am
besten sein, wenn er sich orientiert an
der Vergangenheit christlicher Kunst.
Max Fischer hat nicht unrecht, wenn
er schreibt: „Solch reise Religiosität"
ist unserer Zeit noch fremd und ferne.
Die Gegenwart ist eine Zeit religiösen
Suchens. Verlangende Sehnsüchten
brennen zum Himmel, wachsen zur
Ekstase empor und kämpfen in derwisch-
haften Verzückungen nach Ueberwindung
der lastenden Schlacken, die selige Hei-
terkeit und' schlichte Weihe eines von
Religiosität organisch durchdrängten Ge-
schlechtes ist unserer ruhelos hastenden
Generation versagt. Nicht wie der stille
Ton einer ewigen Glocke ergeht heute
der Ruf zur Umkehr an die Menschen,
sondern im Fansarenton wird der Auf-
loading ...