Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Formwandels und das Wesenhafte des künst-
lerischen Ausdrucks zur Darstellung bringen.
Das Werk stieret viel mehr, als der Titel zu
besagen scheint. Nach den gewissermaßen
programmatischen Erörterungen über die
Grundlagen der Formanschauung hebt ein
Rückblick an auf die Kunst des Mittelalters,
vor allem aus die spezifisch germanische Kunst,
der sich ausführlicher mit den künstlerischen
Anschauungen des 13. und 14. Jahrhunderts
befaßt, um dann in vier Mschnitten die
.Kunstanschauung des 15. Jahrhunderts in
seinem Wirklichkeitssinn vor Augen zu füh-
ren und zu schließen mit einem kurz angedeu-
leten Ausblick aus die neuesten Kunstbestrestun-
gen. Der Verfasser hat in diesem Werk Aus-
gangspunkt und Merhode seiner Künstbetrach-
rung, wie er sie in der früher besprochenen
Schrift ankündigte, glänzend durchgeführt
mit Beziehung auf das 14. und 16. Jahrhun-
dert und in dieser Schrift die Probehaltig-
keit seiner Kunstwertung aufs deutlichste be-
wiesen. Es reizt uns sehr, den reichen In-
halt des Werkes unfern Lesern vor Augen
zu führen. Aster der uns zur Verfügung
stehende Raum reicht nicht aus. Nur das
Wichtigste sei kurz bemerkt:

Das 15. Jahrhundert scheidet mittelalter-
liches und neuzeitliches Denken. In der
alten christlichen Kunst ist die Anschauung an
das innere Erleben geknüpft, im 15. Jahr-
hundert zeigt die Formsprache das Erwachen
der Sinne, der Wirklichkeitssinn bricht sich
Bahn. Die germanische Frühkunst ist flächige
Linienkunst (Ziermufter der Leder- und Me-
tallarbeiten) ; das Auge war äußerst emp-
fänglich für die Sprache und den Ausdruck der
Linie und den Bewegungsrhythmus des
scheinbar regellosen „Liniengewirrs". Noch
in der 'Kunst des 11. und 12. Jahrhunderts,
im romanischen Ornament, entfaltet sich die-
ser Sinn für das Spiel der Linien. Auch
die menschlichen Gestalten sind ins Ornamen-
tale umgeformt, sind bewußt stilisiert. Die
straffe, gebundene Form ist das wesentlich
Erstrebte, nicht die Darstellung des lebendi-
gen Organismus. Das zeitweise Erwachen
des Wirklichkeitssinnes im 13. Jahrhundert
war eine vorübergehende Erscheinung, jedoch
nicht ohne Einfluß aus das Auge des Künst-
lers, das sich der Wirklichkeit nicht mehr ganz
verschließen konnte. Aber das Flächenhafte
ist immer noch sieghaft. Die gotische Archi-
tektur zwang Skulptur und Malerei in den
Bann ihrer Flächen. Das 14. Jahrhundert
ist die Zeit des Ueberganges von der mittel-
alterlichen tJnnerlichkeit zum Wirklichkeitssinn
der Renaissance. Die Betonung der zwei-
dimensionalen Fläche ist immer noch vorherr-
schend. Eine eigentliche Raumdarstellung ist
noch nicht gefunden. Der Bildinhalt ist in
die Bildfläche gedrängt. Erst die erwachende
Erkenntnis der dritten Dimension, der Tiefe,
hat dem Wirklichkeitssinn des 16. Jahrhun-
derts die Bahn gewiesen. Der Künstler richtet
seinen Blick mehr und mehr auf die Natur,
die Wirklichkeit. Raum- und Körpergestäl-
tung werden die Aufgaben des Künstlers,
die Herrschaft der Ideen wird abgelöst von

der Herrschaft der Sache, des Sachlichen, des
Wirklichen. Der dargestellte Gegenstand soll
wahr und echt wirken. In Italien wirken
in dieser Hinsicht Masolino und Masaccio, in
Deutschland Jan van Eyck, Konrad Witz und
Albrecht Dürer. Wie sich bei dem Italiener,
Niederländer und Deutschen die Gestaltung
des Raumes in verschiedener Weise gestaltet,
ist S. 77—79 sehr deutlich gekennzeichnet.
Die Formcharaktere der romanischen und ger-
manischen Rasse sind in den Abschnitten V
und VI herausgeavbeiter. Die deutsche
Kunst äußert ihre formbildende ^Krast im
Streben nach Unmittelbarkeit in der sinn-
lichen Offenbarung des seelischen Ausdrucks,
die seelische Erregung eines Menschen z. B.
soll mit möglichster Eindringlichkeit übermit-
telt werden. So liebt die deutsche Kunst
selbst das Gewalttätige und Häßliche, wäh-
rend es der italienischen Kunst hauptsächlich
um die schöne Anmut der Form und die über-
sichiliche Klarheit der Bildgestaltung zu tun
ist. Beim Deutschen überwiegen Phantasie
und Gefühl über die ordnende Tätigkeit des
Verstandes. Der Italiener gewinnt seine
Raumanschauung mit Hilfe der wissenschaft-
lichen Perspektive, der Deutsche durch die Er-
kenntnis des Wertes des Einzelkörpers. „Das
körperlich Greifbare und Tastbare mit dem
ganzen Reichtum der Schwellungen und Wöl-
bungen, mit allen Kanten und Ecken, mit
allen Rundungen und Kurven zu erfassen,
das bedeutet der Kunst des 15. Jahrhunderts
die Darstellung der sichtbaren Welt" (S. 95).
Germanische und romanische Formmerkmale
mischen sich jedoch und diese Mischung ver-
mittelt die burgundische Kunst, welche die alt-
niederländische Malerschule und von hier aus
die deursche Kunst beeinflußt. Im letzten
Abschnitte werden die Ergebnisse der ganzen
Untersuchung zusammengestellt. Die einzel-
nen Thesen der Abhandlung sind in lichtvoller
Weise illustriert durch die vielen vorzüglichen
Illustrationen, die dem Werke beigegeben
sind. Manchmal möchte man gerne länger
der Erklärung des einen und andern von
diesen Bildern lauschen, die sehr sorgfältig
ausgewählt sind. Das Bildermaterial ist
auch kein gewöhnliches; die meisten Bilder
sind Reproduktionen von Kunstwerken aus
Privatbesitz und also besonders hochwillkom-
men, weil sie selren für Fernerstehende er-
. reichbar sind. Das Werk, vom Verlag sehr
gut ausgestattet, ist zu einem „Lehrbuch" vor-
züglicher Art geworden. Möchten recht viele
sich in dasselbe vertiefen und es studieren l
Denn es will zuerst gründlich studiert und
dann wahrhaft genossen werden.

Söflingen. Weser.

Führer durch den Symbo-
lischen und Typologischen
Bilderkreis der christlichen Kunst
d-s Mittelalters von Prof. Dr. Wil-
helm Molsdorf, Leipzig 1920, K.
W. Hiersemann. Mit 9 Dasein. 164 S.
Preis 48 M. gebd.
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