Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 37-39.1919/21

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Für den schaffenden Künstler gibt es
kein Rezept und kein „Elixrr". Das
Schwungrad seines Geistes wird durch
kluge Erwägungen nicht beeinflußt. Die
Kunst ist etwas Göttliches, das man
freilich klug oder unklug verwalten, nie-
mals aber züchten kann.

So sind es auch heute keine willkür-
lichen Regungen, die uns hin und Her-
Werfen, sondern der schnelle Pendel-
schlag der Zeit.

Lileratur.

Die künstlerische K u l t u r des
Abendlandes. Das Werden des
künstlerischen Sehens und Gestaltens
seit dem Untergang der alten Welt.
Von Friedrich Knapp (Prof, in Würz-
burg). Band 1 Vom architektonischen
Raum zur plastischen Form (Mittel-
alter und Frührenaissance). Mit 364
Abbildungen, Kurt Schröder, Bonn
und Leipzig 1921, 464 S. Preis un-
geb. 80 Mk.

Es ist eine Kunstgeschichte besonderer Art,
die der Verfasser dem deutschen Volke geben
will. In der Betrachtung der Jrrgänge
der Kunst, die sich vom französischen Impres-
sionismus unterjochen ließ und sich in leerer
Oede verläuft, und der Wirrnisse der ma-
terialistischen Trostlosigkeit der Zeit ohne
Menschheitsideale ruft er der Welt das Wort
entgegen: „Zurück zur künstlerischen Kul-
rur"! Er will zurückrufen zu künstlerischer
Weltanschauung, zum Glauben an eine
Seele in uns. Er wünscht, daß von Deutsch-
land der heiße Pulsschlag des lebenspenden-
den Idealismus ausgehe. Er faßt die Kunst
wie die Geschichte als einen Organismus,
er will aus der Kunstbetrachtung heraus-
arbeiten die organische Fortentwicklung des
Sehvermögens der Menschheit, die Verknüp-
fung der sinnlichen Wirklichkeit mit dem
cklebersinnlichen der Seele. Als Ziel schwebt
ihm der Gewinn einer neuen subjektivisti-
schen künstlerischen Kultur vor Augen. Weit
entfernt davon also, eine kunsthistorische Ma-
terialiensammlung zu geben, geht die Be-
trachtung daraus aus, das innere Leben der
Kunstentwicklung zu durchforschen, die inne-
ren Werte herauszustellen und sie dem Leser
zu vergegenwärtigen und sein Urteil zu klä-
ren. Im ersten Band soll von der archi-
tektonischen Raumgestaltung zur plastischen
Form fortgeschritten werden. Der zweite
Band, Sieg des! Malerischen im Bild
(Hochrenaissance, Barock und Rokoko) will
die Gewinnung der malerischen Bildform zei-
gen, und der dritte Band: Die malerische
Problematik der Moderne (vom Klassizis-
mus zum Expressionismus) führt ein in die
modernen Probleme und wendet sich gegen

die maßlose Ueberschätzung technischer Mache
und französischen Geistes, der verächtlich auf
romantische Kunst und individuelle deutsche
Art herabsieht. Die Vorrede verspricht even-
tuell noch einen weiteren Band ausführliche-
rer Kommentare, Literaturangaben und Er-
gänzungen.

Wenn der Verfasser in seiner Vorrede am
Schlüsse sagt, daß seine Art der Kunftbetrach-
rung ein Bekenntnis an die schöne Seele und
das edlere Menschentum ist, so hat er den
Beweis für dieses warme und edle Wort in
seiner ganzen Darstellung erbracht. Es tritt
uns in seinem Werke nicht ein nüchterner
doktrinärer Betrachter der Kunstdenkmäler
entgegen, sondern eine feinfühlige und warm-
herzige Persönlichkeit, die zu Geist und Herz
zu reden weiß. Sein Stil ist eindringend
in die Tiefen der Werte, die er behandelt,
maßvoll kritisch und erhebend und begeisternd
zugleich: ob es sich um die Beschreibung
eines Kunstwerks allein, ob es sich um die
Charakterisierung einer besonderen Zeitkul-
tur, ob es sich um die Hervorhebung der
Stileigentümlichkeiten und Stilunterschiede
handelt. Er weiß z. B. die Reize der ab-
sterbenden Kultur des Altertums, das Ta-
sten und Suchen des neuen Kunstwillens/
das Emporstreben im romanischen Snl, die
feinen und leisen Uebergänge vom Romani-
schen zum Gotischen, das Leben der Früh-
gotik auf französischem und deutschem Bo-
den, die Hochgotik mit ihrem lebendigen Li-
nienspiel, den lebensvollen rhythmischen Be-
megungsschwung, die Durchgeistigung der
Materie gleich scharf und fein, mit warmer
Anerkennung, mit weise begründeter Ableh-
nung, mit begeisternder Freude darzustellen.
Manche dieser Beurteilungen sind wahre
Kabinettsstückchen einer feinen und warm-
herzigen Schilderung und drängen den Le-
ser, die innere Ueberzeugung des Verfassers
zu teilen. Dasselbe gilt für die Betrachtung
der Skulptur und Malerei. Mit dem Ende
des Quattrocento bricht dieser Band ab.
Wieder wendet sich der Blick des Verfassers
von jener Zeit der unserigen zu. Auch da-
mals war die Welt vom objektivistischen Ma-
terialismus erfüllt und bestand die Gefahr,
daß gelehrter Entdeckerwahn, technisches Ex-
perimentieren, Novitätensucht und Bluff-
mache die künstlerische Phantasie ausschalten
würden. Damals trat dann eine subjek-
tivistische Beseelung und Durchdringung in
einem herb-aufgeregten Expressionismus zu-
tage, die Rettung brachte. Der Verfasser
fragt: Werden uns wie damals geniale
schöpferische Gestalten erstehen, wird uns das
höchste Glück der Erdenkinder, die Persön-
lichkeit zuteil werden, die, Herr aller künst-
lerischen Gestaltungsmittel und der eigen-
sten Gefühle wie Leidenschaften, die Welt
bezwingt?" Man sieht, wie ein starkes Ethos
das ganze Werk durchdringt. Dieses Ethos
hat uns erwärmt und legt uns den Wunsch
aus die Lippen, der Verfasser möge in wei-
ten Kreisen für sein Werk Verständnis und
lebhafte Anerkennung finden!

Das Werk ist von dem rührigen Kunst-
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