Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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geleitet, „weil die Herrn Jesuiten und andre Geistliche dem liederlichen Friedcnsbeschluß ge-
niäß wieder haben Tübingen und ganz Württemberg räumen und verlassen müssen". Am
IO. Februar kamt Gcncralfeldmarschall Turenne selbst nach Rottenburg (S. 212).

Wie sich der lange Krieg mit seinen Quartierlasten, Brandschatzungen und Plünde-
rungen in der wirtschaftlichen Lage des Stiftes auswirkte, mögen folgende Daten be-
leuchten:

Am I I. Juni 1646 wird ein Vertrag geschlossen mit den Personen, die dem Stift
den 4., 5. und 6. Teil „zur Landgarbe" geben aus de» Weinbergen „im Bühl" gegen Bei-
fuhr von 70 Karren Dung seitens des Stiftes, die Gewährung des 4. auf den 8., des 5.
und 6. auf den 9. Teil zu reduzieren für die nächsten 10 Jahre (S. 209). Der Dung hatte
viele Jahre lang nicht geliefert werden können (S. 209). A. 1648 werden die an die
Silvesterspfründe aus einem Weinberg im Wolfsbühl durch Schultheiß Ulrich Würtner zu
liefernden 16 Viertel Wein „auf 16 Viertel Vescn oder Haber verändert", „in dem selben
Weinberg ganz wüst undt edt (öd) warr wegen lang Herr gewahrten schwedischen Kriegs."
Der Besitzer ließ ihn aushauen und in einen Acker verwandeln (S. 210). A. 1650 sieht
sich das Stift veranlaßt zum Widumverkauf in Niedernau. Den 11. Mai 1651 wird die
Hälfte der Gülten auf Hailfingcr Markung für 6 Jahre erlassen, weil das dortige „Lehen
ganz wüstlicge, auch kein Haus, noch Hof mehr dabei sei, sondern alles eingeäschert"
(S. 214). Im selben Jahr wird der Neubau von Pfarrhof und Scheuer in Spaichingen ver-
akkordiert um 180 fl. zu vier Zielern, 4 Malter Korn, 5 Malter Gerste, 1 Malter „Erbiß",
2 Malter Hafer, für den Weinkauf I fl. A. 1655 muß eine neue Zehentschcuer in Obernau
erbaut werden (S. 215, ebenda die Auslagen). A. 1656 muß „der alte baufällige Pfarr-
hof" zu Bietenhauscn abgebrochen und neu gebaut werden (S. 219). A- 1665 ersteht eine
neue Zehntscheuer in Remingsheim (S. 229). X 1678 beginnt das Stift den Neubau der
Prädikatur, „gegen Sank Ulrichs Capell oder gegen fetziger Sacristep ftehent". Die
Chronik gibt einen genauen Ueberblick über die Baukosten. Der Maurer erhält 502 fl.,
5 Ohm Wein, I Malter Roggen, der Zimmermann 150 fl. Für Holz werden 252 fl. aus-
gegeben. X 1708 kauft das Stift zehntfreie Aecker in Spaichingen und 1709 verkauft cS
zehntbare Aecker bei Aldingen.

So war es eine bewegte Zeit, in der die St. Moritzkirche ihre jetzige Gestalt bekam,
eine Zeit, da das innerliche Ausbrennen und Ausdorren des Reiches Tatsache zu werden
schien, das die Propheten des Spätmittelalters gekündigt hatten. Sic ging vorüber, ohne
daß der Zusammenbruch das schöne Heiligtum am Neckarufer in Trümmer geschlagen hätte.
Und bei dem Umbau in trüber, düsterer Zeit gestaltete man es heller und lichter, als es zu-
vor war, und gestaltete reicher und glänzender, was eine frühere Zeit schlicht und einfach ge-
lassen hatte, um Licht und Klarheit und Glauben und Hoffnung auf eine reichere und feurigere
Zukunft aus dem Gottcshause hinauszunehmen in den düstern und drückenden Alltag. —
Möge das heutige Geschlecht, das in der Not dem damaligen ähnlich ward, ihm auch gleichen
in der Zuversicht und in dem Gott- und Selbstvertrauen").

Dss Kirchlein ;u Lehr, M. Ulm.

Von Stadtpfarrer Weser, Söflingen.

Wenn man von Ulm aus den Lehrertalweg entlang durch das Schießtal auf die Höhe
kommt, so steht man nach wenigen Schritten in das Dorf Lehr vor einem Kirchcngebäudc
unter einem einzigen Dach ohne jede Chorandeutung von außen, aber mit einem eigentümlich
gelagerten Turm in der Mitte der Südseite. Das läßt Besonderes und Eigenartiges ahnen
und erwarten.

") Was an Werken der Kleinkunst erwähnt wurde, ist so ziemlich restlos vorhanden, soweit die An-
schaffung dem mitgeteilten radikalen Einbruchsdicbstahl zeitlich nachfolgte. Das silberne Bnchbeschläq
schmückt seit kurzem ein neues Mistale. Leider haben die beiden Monstranzen durch unverständige Restau-
ration nicht unerheblich gelitten. Innerhalb der letzten 50 Jahre erhielt die Moritzkirche neuen Boden-
belag, frische Ziegel, Butzcnschcibcnfenstcr mit Medaillons (die 14 Nothelfcr), mehrere neue Altäre (f- o>),
eine gotische Kanzel, wertvolle Paramente, eine prächtige Orgel und völlige Ncufastung des Innern. Dabei
wurde auch die in der Chronik erwähnte Rcliquiennische an der Südwand des Chors wieder entdeckt und
zugänglich gemacht. Der größte Teil der Kosten wurde jeweils durch milde Beiträge der Pfarrangehöngen
aufgebracht.

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