Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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Gegenüber dem Rat- und Schulhaus mitten im Ort an der Hauptstraße und doch von
ihr durch einen geräumigen Vorplatz, wo einst eine Hülbc war, abgeschieden, steht die Kirche
zu Lehr, die auch von den Seitengassen nach Süd und Nord durch eine niedere, teilweise auf
einem Mäuerchen ruhende Umfriedigung sich abschließt. Eine neuere, etwas protzige Frei-
treppe, die den Raum zwischen der Südwestecke der Kirche und dem Turm einnimmt und
uns auf den Orgelchor der Kirche führen möchte, müssen wir unbenützt lassen, weil es bei
uns, wie man hier zu sagen pflegt, „mit dem Gesangbuch nicht stimmt". Wir gehen lieber
an dem Kriegerdenkmal vorüber, das rechts der Eingangstüre an die äußere Kirchenwand
angelehnt steht und hier eben nur auch genannt sein soll. Es öffnet sich das kleine Kirchen-
portal, dessen Jahreszahl 1921 auf neueste» Ersatz hinweist; wir treten ein und sind gleich
ganz überrascht von der sauberen Einfachheit, die uns entgegentritt. Gleich fällt der Blick
auf Kanzel und Altarbildrahme, die in Weiß gekleidet einen eleganten Stuck Vortäuschen
und durch die reichste Dekoration auffallen.

Doch uns drängt's dem Chore zu, von dem der Außenbau fast nichts verraten wollte
als die kleinere Höhe der Fenster- Durch den breit ausladenden, rund abgeschlossenen Chor-
bogen treten wir ein und — welche Ueberraschung! Welcher Reichtum an alter gotischer
Malerei aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts, circa 15IO — 1520!

Aber eines nach dem anderen! Der Mcterftab belehrt uns, daß wir einen geradlinig
abgeschlossenen Chorraum vor uns haben, 5 Meter tief und 5,2 Meter breit im Lichten (den
Chorbogen eingeschlossen), also fast quadratisch. Zwei Fenster, im gotischen Spitzbogen sich
öffnend, werfen genügend Licht und Sonne in den Raum, der mit einem gotischen Kreuz-
gewölbe eingedeckt ist. Rechts führt eine einfache mit altem Eisenbeschläg versehene Türe in
die wohl später angebaute nüchterne Sakristei. Am Chorbogen rechts und an der Seitcn-
wand »ach vorn hin sind zwei gotische Nischen ausgespart, von denen eine ehemals für die
Aufbewahrung der Meßkännchen bestimmt war. ÄuS der Nordostecke hebt sich, über Eck
gestellt, ein Sakramentshäuschcn hervor, das im mittleren Aufbau in eine Kreuzblume aus-
läuft und an den Seiten von zwei Fialen eingefaßt ist, eine einfache, aber gute und tüchtige
Steinskulptur in schönen Maßen, nur daß dieselbe statt der einstigen Eiscngittcrtürc jetzt mit
einer rohen Holztüre geschlossen ist.

Nun aber suchen die ungedudig gewordenen Augen die Decken und Wände ab, um
sich an den Werken einer kundigen Künstlerhand, die längst vermodert ist, einige Augenblicke
zu erfreuen. Es war in den Jahren 1913/14, kurz vor dem Kriege, als durch die Zeitungen
die Nachricht ging, es seien in Lehr gotische Malereien entdeckt worden und Prof. Wennagel
in Stuttgart sei mit ihrer Aufdeckung betraut- In der Tat war einst das ganze Chörlein
der Kirche und vielleicht auch der andere Kirchenraum mit Gemälden bedeckt. Nicht alles ist
zutage getreten. Aber was der rauhe Tünchnerpinsel noch übrig gelassen hat, oder was er so
lange verhüllt hat, das können wir doch jetzt wieder etwas genießen. In den Kreuzrippen-
feldern der Decke heben sich, umgeben von gotischem Rankenwerk, breit und mächtig ab die
Sinnbilder der vier Evangelisten: über dem Altar schwebt der Engel dcö Matthäus mit
dem lebhaft bewegten Schriftband: sanctus matthaeus evangelista; rechts spannt der Ad-
ler des Johannes weit seine Flügel aus über der Bandinschrift: sanctus iohannes evan-
gelista; dem Chorbogen zu nennt der geflügelte Stier auf der Schriftrolle seinen Heiligen:
sanctus lukas evangelista; links ruft der Löwe des Markus seine Legende: sanctus
inarcus evangelista. Die Schrift ist immer in gotischen Minuskeln gegeben. Dazu kom-
men dann drei Propheten in Brustbildern. Auch sie sind mit Spruchbändern mit
gotischer Minuskelinschrift versehen. Aber die Schriftzeichen sind bei der Restauration nur
teilweise ans Tageslicht gekommen und teilweise unrichtig verstanden und gelesen und ergänzt
worden. Ee ist uns aber doch gelungen, sie einwandfrei zu entziffern, so daß diese Pro-
phetenbilder ihre alten Weissagungen wieder laut verkündigen können. Das Prophetenbild
über dem Chorbogen hat die Inschrift: gloriosum erit sepulcrum eius Jsaias 11,10: „Sein
Grab wird herrlich sein-" Vom Chorfenster rechts herab spricht der Prophet: ipse animam
suam vivificabit, Ezechiel 18,27: „Er wird am Leben erhalten seine Seele." Am gegen-
überliegenden Fenster kündet wieder JsaiaS 32,16: et habitabit in solitudine iudicium;
„und in der Wüste wird seine Wohnung aufschlagen das Recht." In diesen drei hier mes-
sianisch verwerteten Stellen soll die Herrlichkeit Jesu gekennzeichnet werden in der Herrlich-
keit seines Grabes, seiner Auferstehung und seines Gerichtes. Die Worte beziehen sich näm-

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