Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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Simonis, dessen Grabstein bei der Wiedereröffnung der Gruft 1922 gefunden wurde, eine
Orgel um 1000 Gulden erworben hatte und zunächst für Anschaffung von Paramenten und
Gefäßen gesorgt worden war, begann unter Propst Georg Boner (1610— 1635) eine neue
Bauperiode. Von 1629—1635" leitete derselbe die Umwandlung der Kirche in eine B a r o ck-
wandpfeilerkirche nach dem Muster von Dillingen ein. Im Schiff wurden beider-
seits Wandpfeiler eingezogen und außen am Chor Strebepfeiler angebaut. Chor und Schiff
wurden eingewölbt, das Schiff mit einem gedrückten Tonnengewölbe, der Chor mit eigen-
tümlich bewegten Einsackungen und Ueberhöhungen. Auch die Lettnerempore wurde abge-
ändert. Die Kirche erhielt eine mäßige Stukkierung, die gesamte Gliederung und Aus-
schmückung wurde grau in grau bemalt mit Engelsköpfen und allegorischen Gestalten, Blu-
men- und Früchtengirlanden. Ein letzter Rest dieser Graumalerei ist das Bild des Ambro-
sius Kaut an der linken Chorwand. Das Schiff hatte im Gewölbcfcheitel drei farbige Ge-
mälde; ebenso trug auch das Chorgewölbe Deckenfigurcn, die größere Ausmaße aufweisen
als die jetzt noch vorhandene Bemalung. Der von Bildern freie Teil des Gewölbes war
mit einer dekorativen Malerei in braungelber Tönung übergoffcn, die sich aus Sonnen- und
Sternmotiven zusammensetzte. Der bis dahin fpitzbogige Chorbogen erhielt mit den Fen-
stern die Korbbogenform. Auch die Taufnische wurde damals aus der Südwand ausgespart.
1666 wurde unter Michael Beck die Krypta unter dem Chor ausgebrochcn. Schon Propst
Boner, aus dessen Zeit das städtische Museum ein Gemälde der Innenansicht der Kirche
besitzt, hatte vier neue Altäre errichtet. 1663 wurde eine neue Hauskapelle mit Altären
versehen, die 1671 mit Altären im Chor und in der Sakristei geweiht wurden. Auch die
beiden Türen an der linken Chorwand, die in die Sakristei und einen Gang führen, gehören
dieser Zeit an. Das 1714/15 geschaffene Chorgestühl, dessen Meister mit C. B. signiert,
diirftc den Abschluß dieser Restauration bedeuten. Es ist aber zu bemerken, daß an Stelle
der jetzt in den Dorsalfeldern befindlichen vergoldeten Stuckheiligenbilder ursprünglich
Felder mit Intarsien waren, die später für die Malerei der noch vorhandenen Stationen-
bilder verwendet wurden- Es ist nicht leicht, sich eine genaue Vorstellung von dem Aus-
sehen der Kirche in dieser Zeit zu machen. Die eintönige Graumalerei in Schiff und Chor
mag ernst und schwer gewirkt haben, und da der Lettner nach dem Chor abschloß, so werden
die Wandpfeiler bei ihrer Massigkeit die Gesamtftimmung wohl auch ziemlich beengt haben.
Doch wird dcnt der satte Holzton der neuen Altäre, des Chorgeftühls und der Schiffs-
bestuhlung ein entsprechendes Gegengewicht verliehen haben.

6. Das Wengcnftift im 18. Jahrhundert. 1676 hatten die Pröpste Titel und Rang
eines „infulierten Prälaten" erhalten. Diese Steigerung ihres Ansehens innerhalb des
Kreises der Klosternicderlassungen in Schwabe», die wirtschaftliche Gesundung und Festi-
gung des Stifts selbst und das ganz veränderte Kunstempfinden einer neuen Zeit veran-
laßtcn die Chorherrn, Kloster und Kirche dementsprechend ebenfalls repräsentativer umzu-
gestalten. So begann der dritte dieser Prälaten, Augustinus Erath von Erathsberg (1693
bis >736), selbst einer angesehenen und reichen Familie entstammt, vor allem die Räume
des Klosters weiter und größer anzulegen und sie reicher auszuftatten. Der jetzige Zustand
des Klosters wit den wenigen noch erhaltenen Zimmerstukkaturen ist im wesentlichen auf
seine zielbewußte und energische Tätigkeit zurückzuführen, bei der er nicht selten die von der
argwöhnischen Stadt ihm bereiteten Hindernisse aller Art zu überwinden hatte. Unter den
drei folgenden Prälaten: Joseph Braunmüller (1736^1754), MichaelKuen (1754—1765)
und Georg Trautwein (1765—1785) feiert das leichte, zierliche und festliche vornehme Rokoko
seinen siegreichen Einzug in die Kirche, die jetzt zu einer Fcsthalle umgeschaffen wird. Diese
Schöpfung, die ja vornehmlich dekorativer Art ist, bat sich lebenskräftiger gezeigt als alle
bisherigen Stile. An dem einen, wohl feinsten und lieblichsten Stück, der 1743/44 ent-
standenen Stuckmarmorkanzel, die sich bis heute in ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat, sind
nun schon 180 Jahre vorübergezogen und sie wird noch lange das Entzücken der Kunstkenner
sein. Reicher Stuck mit viel Vergoldung überzog die Kapitäle der Wandpfeiler, bekrönte
die Fenster, umzog die Apostelkreuze mit den leuchtenden Emblemen des Martyriums, klet-
terte in die Höhe der schlanken Chorpilaster, schlug die Altäre und Beichtstühle in seinen
Bann und füllte die Dorsalfelder des Chorgestühls mit den Heiligenbildern, unter denen
schon die Seligen Heinrich Suso und Jakob Griesinger von Ulm glänzen. Und dann schwang
sich dieser nimmermüde Stuck hinauf zur Decke der Gewölbe, zwang die weiten Strecken

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