Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 22
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Und wenn es nun dem Leser dieser Zeilen bei der Aufzählung der Daten und Namen
vielleicht etwas langweilig geworden sein sollte, so nehme er den Aufsatz zur Hand und
besuche die Wengenkirchc in Ulm, und er wird eine köstliche Stunde der Belehrung und Er-
frischung, der Erhebung und je nach seiner inneren Einstellung auch der Erbauung
erleben bei der Betrachtung dieses neuerstandenen Schatzkäftleinö der Rokokokunst.

Der IKmer Totenlsn; im Wengenklofler.

Von Stadtpfarrer Weser, Söflingen.

Im östlichen Teile des Kreuzgangs (Fortsetzung des „Roten Ganges") im Wcngen-
kloster war schon lange ein Stück eines Wandgemäldes aufgedeckt, deffen Bedeutung bisher
nicht untersucht worden war wegen seiner prekären Erhaltung.

Dekan Gageur suchte den Raum dieses Kreuzgangs zur Benützung herzurichten, ließ
ihn auSräumen und entdeckte, daß der eben erwähnte Gemälderest eine Fortsetzung hatte
unter einem dicken Verputz, der seinerzeit beim Umbau des Wengenklosters darauf geworfen
worden war. So wurde denn der Verputz entfernt und der Entdecker fand, daß die Malerei
ein Totentanz war, der aus einer Reihe von ziemlich großen, aber sehr verdorbenen und kaum
mehr erkennbaren Bildern bestand.

Eine eingehende Untersuchung durch den Verfasser dieser Notizen ergab nun fol-
gendes Resultat:

Die ganze Länge der bemalten, bis jetzt teilweise aufgedeckten Fläche beträgt 12,8
Meter, die Höhe 1,4 Meter. Die Malfläche ist nach oben und unten abgegrenzt durch
einen gemalten Fries von 12 Meter Breite, lieber dem unteren Fries zieht sich eine Schrift
unter den Bildern hin, die ebenfalls sehr verdorben ist. Es läßt sich aber erkennen, daß
unter den Bildern sich immer vier kurze VerSzeilcn, die durch Vertikalstriche voneinander ge-
schieden sind, im ganzen 27 Vierzeiler hinziehen. Die einzelnen Vcrszeilen haben große
Anfangsbuchstaben. Der Anfangsbuchstabe der ersten Zeile ist eine meist rot gemalte
Initiale, während die übrigen Buchstaben gotische Minuskeln sind. Bemerkenswert ist,
daß über der vierten vorhandenen Strophe ein V, römischer Fünfer, ausgezeichnet ist.

Es ist mir nun gelungen, einen Teil von einzelnen Versen zu lesen und mit Hilfe
des Gelesenen und sicher Erkannten den ganzen Inhalt der Inschriften zu entdecken.

Zunächst zeigte sich bei zwei Strophen, daß je die 1. und 2. und dann die 3- und 4.
Verszeile sich reimten. Durch Vergleich mit zu Gebote stehenden Totentanzbildern ergab
sich bald, daß die gelesenen Versreime sich im Füffcner Totentanz (16. Jahrhdt.) fanden-
Diese aber gehen auf einen Tert des 15. oder 14. JahrhdtS. zurück und finden sich im
Klein-Baseler (Klingentaler) Totentanz von ca. 1457. Dieser Tert von Klein-Basel
geht wieder zurück auf einen alten Totentanztext, der sich in sechs Handschriften erhalten
bat. Vier dieser Handschriften sind in München, zwei in Heidelberg. Dieselben sind von
Maßmann, „Die Baseler Totentänze, Stuttgart 1847", beschrieben. Nach den sechs Hand-
schriften gibt Maßmann einen Urtert des Totentanzliedes, der sich nun mit den in Ulm
erhaltenen Schriftresten aufs beste deckt. Demnach geht also die Legende des Ulmer Toten-
tanzes auf eine dieser sechs Handschriften oder auf einen mit ihnen verwandten Tert zurück.

Der Maßmannsche Totentanztert besteht ans einer gereimten Einleitung, welche die
Mahnungen „des ersten Predigers" enthält. Darauf folgen 24 Doppelstrophen. Die erste
derselben enthält die Anrede des Todes an den Vertreter der verschiedenen Stände, die
zweite gibt die Antwort des Todeskandidaten- Die in diesem Tert auftretenden Personen
sind: Papst, Kaiser, Kaiserin, König, Kardinal, Patriarch, Erzbischof, Herzog, Bischof,
Graf, Abt. Ritter, Jurist, Chorherr. Arzt, Edelmann, Edelfrau, Kaufmann, Klosterfrau,
Bettler. Koch, Bauer, Kind und Mutter. Als Schluß folgt „der ander Prediger" mit
seiner Mahnrede. Alle zum Tode Gerufenen redet der Tod mit „ihr" an, mit Ausnahme
von Bettler, Koch, Bauer und Kind, die er duzt.

Kehren wir nun nach dieser notwendigen Abschweifung wieder zum Wengen-Toten-
tanz zurück.

Der östliche Krcuzganasteil, der den Totentanz trägt, ist durch eine Wand vom nörd-
lichen Trakt abgeschlossen. Damit ist auch ein Teil der Ostwand unzugänglich und die am

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