Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 36
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Inschrift der großen Bibliothek zu Alexandrien; iiutrimentum Spiritus, heißt die In-
schrift eines Bildes von Artur Kämpf in der kgl. Bibliothek zu Berlin. In den alten
Klöstern ward die Bibliothek armarium, armarium commune, Waffcnrüftkammer
des Geistes genannt. Ja, wegen der Verbindung mit dem Kirchengebäude, der Sakristei,
heißt Bibliothek und Archiv gerne sacrarium, sanctuarium. Diese Ausdrücke lasten
genugsam erkennen, wie hoch diese Räume in der Wertschätzung standen. „Eine aus-
gewählte Büchersammlung ist und bleibt der Brautschatz deö Geistes und Gemütes."
Dieses Wort von K. I. Weber, Demokrites 6, 74, galt auch in den Klöstern, die
sich seit ihrer Gründung die Einrichtung für Bibliotheken angelegen sein ließen. Der
Bedeutung, die dem Studium der Wissenschaften zugcmcsicn wurde, entsprach von jeher
die Erwerbung von reichen Bücherschätzen durch Kauf oder Schenkung oder mühsames
Abschreiben und kunstfertiges Illuminieren und die praktische Einrichtung und der künst-
lerische Schmuck der Büchersäle.

Unsere süddeutschen Klöster haben ebenfalls ihr Bestreben dahin gerichtet, die Biblio-
theksäle für ihre Bücherschätze mit einem Fcstgcwand zu zieren, dessen Glanz uns heute
noch entzückt, und dessen sinnreichen Einzclschmuck wir mit Mühe analysieren. So die
Bibliothek zu St. Gallen, die einen Schilderen in Stiftsbibliothekar Fäh ‘) und die in
Schuffenried, welche in dem kürzlich verstorbenen Pfarrer Klemens Köhler ') einen be-
redten Interpreten gefunden hat. Der letztgenannte Bibliotheksaal ist wohl der feierlichste
und rcichstgeschmückte der Klosterarmarien unseres Landes.

Neben ihm aber gewinnt unstreitig den Preis der Zierlichkeit der Biblio-
theksaalvonWiblingen.

Der reizende Saal ist bekannt und viel besucht. Aber sein Schmuck harrte bisher
noch der Erklärung und Auslegung. Ein Schriftsteller,) der sich mit dem Maler der
Wiblinger Bibliothek, dem Weißenhorner Martin Kuen, beschäftigt, schreibt B. über
das große Deckengemälde, eö stelle „das verlorene und wiedergewonnene Paradies" dar.
Eine durch Jahre hindurch fortgesetzte Beschäftigung mit der Bibliothek hat uns die
fast restlose Erklärung des Dekors gelingen lassen. Nach dieser Erklärung wird jetzt den
Besuchern die Deutung gegeben, und in einzelnen Hauptpunkten ist dieselbe auch in die
„Kunst- und Altertumsdenkmale Württembergs, Lauphcim S. 187" übergegangen.

Der Saal, eingebaut in den Nordflügel des Klosterbaues, nimmt die imposante Mitte
desselben ein, indem er zwei Stockwerke für sich beansprucht, die unten auf der Nord-
und Südseite von je 7 Ovalfenftern, über denselben von ebcnsovielen, also 14 Rund-
fenstern reiche Lichtzufuhr erhalten. Der Gang des zweiten Stockes des Gebäudes führt
an der jetzigen Pfarrwohnung vorüber zum Eingang der Bibliothek. Die EingangStüre
ist ein kräftiges Rokokowerk, das man ein paar Schritte davor für eingelegte Arbeit
halten möchte, so täuschend ist die Doppeltüre gemalt, lieber der Doppeltüre hängt eine
Kartusche mit der Inschrift: „in <pio omnes thesauri sapientiae et scientiae,
Col. 2", hinweisend auf die Weisheits- und Wissensschätze, die der Raum hier bieten
will. Wir öffnen die Türen, und ein Ausruf des Staunens und der Überraschung entringt
sich unserem Mund beim Anblick der überaus glänzenden Farbenpracht der schimmernden
Dekoration des Prunksaales. Seine Größe ist nicht übermäßig: in der Länge 22,9 Meter,
in der Breite IO,8 Meter; die Höhe bis zur Galerie 3,65, bis zur Decke 1,65 Meter.
Aber die Ausstattung zeugt von erlesenem Geschmack.

Innen zeigt der Saal vier Portale an den Schmalseiten, die ähnlich bemalt und'
marmoriert sind wie das Eingangsportal. Anch sie sind von Kartuschen gekrönt, die be-
schriftet sind. Man liest auf ihnen: I. ad tlandam scientiam salutis, d. i. „um die
Wissenschaft des Heils zu künden", Luk. I. 2, impii in tenebris conticescent I Reg.
2, 9, „in Finsternis vergehen die Frevler" 3, liabentes solatio sanctos libros I Macc.

*) Die Baugeschichtc der Stiftsbibliothck zu St. Gallen von Dr. A. Fäh, Zürich, 1900.

") Führer dnrch die Kirche und den Bidliotheksaal Schuffenried von Kl. Köhler, Pfarrer, Schuffen-
ried, Abt, 192?.

°) Holl, Der Weißenhorner Kunstmaler Konrad Huber, Augsburg 1890. S. 4.

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