Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 39
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Brust das Auge Gottes im dreieckigen Nimbus, in der Rechten ein Zepter, in der Linken
ein offenes Buch (Offenbarung), zu Füßen den Adler — das ist die sehr edle Figur der
GlaubenSwiffenschaft. Ihr sekundiert die zweite Gestalt mit Lilienkranz im Haar (Rein-
heit), mit zwei aufgeschlagenen Büchern in der Rechten (Gebet und Betrachtung), zu
Füßen das Rauchfaß (gottesdienstliche Liturgie), eine sehr einfache Symbolifierung des
Glaubenslebens.

Hinter den Figuren der Schmalseite, durch die Büchergestelle unten fast verborgen,
führt eine Wendeltreppe auf die Galerie, wo die schweren Türen, die auf einer Eisen-
schiene laufend sich öffnen, je eine tiefe Nische bilden, welche noch zwei weitere Holzstatucn,
in Weiß und Gold gefaßt, enthalten, auf der einen Seite ein Königsbild mit Krone und
Zepter, auf der andern eine Figur mit Mauerkrone und Erdkugel. Sie bedeuten die
königliche und bürgerliche Gewalt, die in der Wiffcnfchaft Stütze und
Ruhm gewinnen.

Auch der malerische Schmuck des unteren Raumes feffelt unser Auge. Am unteren
Plafond der Galerie sind in den vier Ecken des Saales die vier Grundtugenden
gemalt: Klugheit mit Spiegel und Schlange und sinnendem Antlitz, Mäßigung mit Schale
und großem Krug, Gerechtigkeit mit Schwert und Wage, Starkmut mit Säule, Löwe
und Helm. Es sind vier Frauengestaltcn voll Adel und Kraft in großartiger Komposition
und mastigem Faltenwurf in herrlicher Bewegung.

Unter den vier Galerievorsprüngen erblicken wir als Vorbilder des wissenschaftlichen
Betriebs die ausgezeichneten Bilder der vier großen lateinischen Kirchenväter:
beim Eingang St. Hieronymus, südlich St. Gregorius, östlich St. Augustinus mit dem
Kind, das einen Löffel trägt, nördlich St. Ambrosius mit dem Bienenkorb.

Ihnen schließen sich als weitere Vorbilder in der Pflege der Geisteswiffenfchaften an
acht Grifaillenbilder an den Längsseiten des Raumes. Es sind acht Geiftesmänner des
Mittelalters, die nicht mit Namen, aber mit ihren auszeichnenden Titeln kennbar gemacht
sind. Ihre Reihenfolge gehl von der Längswand beim Eingang an in folgender Ordnung:

Magister sententiarum: Petrus Lombardus, 1159 — 64, Bischof von Paris.

Doctor subtilis: Johannes Duns Skotus O. S. F., f 1308.

Doctor eximius: Johannes Tiffcrius, ca. 1564, oder Franz Suarez S. .)., f 1617.

Doetor angelicus: Thomas von Aquin, 1227 — 74.

Doetor seraphicus: Bonaventura, 1221 —74.

Pater iuris: Gregor IX., Papst 1227 — 41.

Doctor venerabilis: Wilhelm von Oec am (venerabilis inceptor Nominalium),
f 1349.

Doctor universalis: Albert der Große, 1196— 1280.

Die Köpfe der einzelnen Gelehrten sind sehr ausdrucksvoll und die Bilder gut erhalten,
wenn auch manchmal der Untergrund den gelblichen Farbenauftrag etwas angefrestcn hat.

Der in die Keblc übergehende Wandraum über der zierlich durchbrochenen Baluster-
galerie enthält, wie schon bemerkt, eine weitere stukkierte Galerie, in bläulichem Tone ge-
malt, die eine künstliche Überhöhung des Raumes schaffen soll. Über ihr ziehen sich auf
allen vier Wänden Stuckornamente hin mit Engeln oder Putten, die verschiedene Werk-
zeuge und Instrumente tragen und weiß abgetönt sind. Diese Putten sind die Vertreter
der Künste und t c ch n i s ch e n W i s s c n s ch a f t e n. In die vier Ecken des Raumes
zunächst ist je ein Globus mit Teilen des Sternenhimmels (je nach den Jahreszeiten) an-
gestuckt, von denen jeder in Farbe die verschiedenen Sternbilder vorführt. Die Putten mit
ihren Instrumenten verteilen sich auf die Ecken des Saales und auf die Wandtcile hinter
und über den Galerievorsprüngen. Es sind im ganzen acht Paare. Links vom Eingang des
Saales beginnend folgen sich als erstes Paar Putten mit Meßinstrument und Rad, dann
mit Flaschenzug und Brennspiegel, darauf mit Fernrohr und Kompaß, weiter mit Palette
(Malerei) und Meißel (Bildhauerei), ferner mit Zirkel und Maß, sodann mit Kanonen-
rohr und Schäferstab (Krieg und Frieden), hernach mit Senkblei und Vergrößerungsglas,
endlich mit Elle und Beißzange.

Nach diesen oft fast heiter spielerischen Motiven führt die Kehle zur Decke, deren
ganzer Spiegel von einem Stuckkranzgesims umzogen ist, das fast ganz verdeckt ist unter

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