Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 42
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Abtsstab und Lorbcerreis überragt ist. Der eine Teil des Wappens zeigt das Wiblingcr
Doppelkreuz, der zweite die infultragende gekrönte Mohrin, der dritte einen auf Dreiberg
stehenden Strauß mit dem Wiblinger Kreuz. Es ist das Wappen des Abtes Meinrad
Hamberger (reg. 1730 — 62).

An das Mittelbild des Helikon oder Parnaß schließt sich an die Darstellung der Ver-
bannung des Dichters O v i d i u s N a f o, dem Kaiser Augustus das ferne
Tomi am Schwarzen Meer als Eril anwies. Auf einem Thronsessel, umgeben von Höf-
lingen und Soldaten, sitzt der Kaiser, mit grimmem Antlitz und mit abweisender Handgeste
den Dichter fortschickend und die Fürbitte seiner Frau und Tochter barsch abschlagend. Die
Deutung dieses Bildes ist absolut sicher. Die Lektüre der Tristia des Ovid gleichzeitig mit
dem Studium des Bildes gab die Erklärung. In der alten Ausgabe des für die Lektüre
benutzten Buches ") fand sich zudem auch ein alter Kupferstich als Titelblatt, der dieselbe
Szene wie unser Bild mit wenig Änderung enthielt. In diesen seinen weinerlichen, von
unmännlichen Klagen bis zum Überdruß angefüllten Gedichten erzählt der Dichter, dem
seine schlüpfrigen und den Kaiser selbst angreifenden Dichtungen die Maßregelung zuge-
zogen hatten, daß auch die Fürbitte seiner Frau und seines Töchterchens den harten Sinn
des Augustus nicht erweichen konnten, das Vcrbannungsdekret aufzuheben.

Wir können uns nicht enthalten, auf die scharfen Gegensätze, welche die erste und dritte
der bis fetzt besprochenen Szenen enthalten, hinzuweisen. Auf dem ersten Bild ist cs ein
Weiser, der die Gnade des Fürsten zurückweist, auf dem dritten verweist ein Fürst den
Vertreter der Wissenschaft von Heimat und Vaterland. Aus dem einen Bild nimmt die
joviale Gestalt Alexanders für sich ein, auf dem andern stößt die brutale Gewaltäußcrung
des Augustus ab. Auf der einen Seite wendet sich die Bedürfnislosigkeit von der ange-
botenen Gnade ab, auf der anderen wird der verzehrenden Sehnsucht die kaiserliche Gnade
versagt. Der eine, zufrieden mit dem natürlichen Sonnenlicht, kümmert sich nicht um die
Sonne königlicher Huld, der andere bettelt und läßt betteln — umsonst — um einen
Strahl der kaiserlichen Huld. In den Abstimmungen der Mienenzüge der Hauptpersonen
und ihrer Begleiter sind diese Gegensätze zu einem sprechenden Ausdruck gebracht.

Damit ist die heidnische Wissenschaft geschildert. Die Darstellung wendet
sich in den folgenden Bildern der christlichen Wissenschaft zu.

An der Schmalseite beim Eingang ist als Gegensatz zum schon besprochenen Paradies
wieder ein Landschaftsbild mit hochragendem Gebirge im Hintergrund gemalt, im Vorder-
grund erhebt sich (als Gegensatz zum Baum der Erkenntnis) eine Palme, über der ein
Engel das Wiblinger Kreuz hält. Unter der Palme sind Benediktinermönche versammelt,
die den Heiden das Evangelium verkünden. Seitlich im Mittelgrund wird das Götzenbild
eines heidnischen Tempels zerstört. Es handelt sich also um die Darstellung der Verkündi-
gung der christlichen Weisheit durch die Benediktiner, denen auch auf zwei fol-
genden Bildern die Pflege der christlichen Wissenschaft zugeteilt ist.

So erscheinen auf der nördlichen Seite des Fresko auf der ersten Szene die Söhne
des hl. Benedikt vor PapstGregorl. (990 — 604), der den Propst des Bencdiktincr-
klosters St. Andreas in Rom, Augustinus, mit anderen Mönchen und angelsächsischen
Missionären nach England sandte zur Verkündigung des Glaubens. Auf einem baldachin-
tragenden Thron sitzt Gregor mit der Tiara gekrönt und segnet die Mönche, die vor ihrer
Abreise bei ihm zur Audienz erschienen sind. An der Seite des Thrones steht ein sehl-
martialisch dreinblickendcr Soldat der Schweizergarde, was einen kleinen Anachronismus
bedeutet.

Nun folgt als Mittclbild wieder ein ragender Berg, auf dessen Spitze das Lamm
Gottes auf dem mit sieben Siegeln verschlossenen Buche steht. Sieben edle Frauengestalten
stehen und sitzen auf dem Gelände des Berges. Auf dem Haupte einer jeden von ihnen
brennt eine Feuerflamme. Sie bedeuten die sieben Gaben des Heiligen Geistes: das Ganze
ist der Berg der göttlichen Weisheit, wie ja Christus, das Lamm Gottes,
oft als sapientia patris, Weisheit des Vaters, bezeichnet wird. Aus der Brust des
Lammes fließt — kostbarer als die Wasser der Hippokrene — das Blut des Lammes und
erwirbt in der Erlöserliebe die Gaben des Heiligen Geistes: die Weisheit mit er-

») P. Ovidii Natonis Tristium libri V ed Erdmann Uhseus, Lipsiae 1736.

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