Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 50
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Justin«, Frciin von Erolzheim (1776 — 1S03) mit ihrer Rokokocinrichtung dekoriert
wurde. Das Wappen im Chor, die Schilde in Rokokokartusche, weist auf ihre Tätigkeit hin.

Die Fresken waren durch die Restauration von 1860 nicht wenig verdorben, sind aber
1920 durch M. Hammer (Schwcndi) vorzüglich wiederhergestellt. Über dem Hochaltar ist
das große Fresko: „Die Lebensuhr" gemalt. In einem von eleganten Schranken um-
gebenen Raum ruht auf einer Volutenbank rechts ein Puttcnengcl, der mit seinem rechten
Händchen energisch auf ein fein konstruiertes Uhrgehäuse hinzeigt. Das mit einem Kreis
von römischen Zahlen umgebene Zifferblatt enthält ein großes gemaltes Medaillon, das
den Tod des hl. Joseph zeigt, wie er von Jesus und Maria (ausgezeichnete Figuren) zum
Tod bereitet wird. Am Uhrgehäuse rechts und links weisen die Lilie und der Winkel auf
die Tugenden des sterbenden Heiligen, Reinheit und Arbeitsamkeit, die innere und äußere
Zier seines Lebens, hin. Zwei weitere Puttenengel schauen in mildem Intercffe auf die
Sterbeszene. Hinter dem Uhrgehäuse steigt das Holzgerüft eines Glockenstuhles empor,
der zwei Glocken trägt, die so liebevoll gemalt sind, daß man auf der kleinen Glocke sogar
das auf ihr cingegossene Kreuzigungsbild gewahren kann, während die größere die Glockcn-
halsumschrift eben nur noch andcutet. Rechts schlägt ein mit wehendem Mantel dürftig
umhülltes Totengerippe mit einem Hammer auf die Glocke, und auch links hat ein Engel
schon seine Linke erhoben, um mit dem Hammer das Erz zu treffen, während seine Linke
das Zepter mit dem Auge Gottes im Dreieck auf das Sterbebild niedersenkt zum Zeichen
der Einladung zum Eintritt in die Seligkeit. Eö ist St. Michael, der die Seelen zum
ewigen Glücke führt, noch von einem zweiten Engel begleitet. Auf St. Michaels Stirne
glänzt ein kleines Sonnenbild, Sinnbild der himmlischen Freude. Der Bcglcitengel blickt
herab auf die Erde und zeigt mit der Rechten auf St. Michael, wie wenn er sagen wollte:
„Kostbar ist im Angesicht Gottes der Tod seiner Heiligen." Vier zarte Kartuschen, die
das Hauptbild umgeben, enthalten die Bilder von Kosmas und Damian, der Patrone vom
Kloster Gutcnzell, den hl. Wcndclin und hl. Benedikt. Die beiden erfteren Heiligen sind
in ihrer Tätigkeit als Ärzte dargestellt. Die ganze Komposition verrät eine tiefe Gedanken-
fülle und ist flott gezeichnet. Eö wird nicht leicht einen brillanteren Vorwurf für Aus-
malung einer GotteSackerkapelle geben. Da könnte die Langweiligkeit und Gedankenarmut,
die man bei ähnlichen Arbeiten oft bedauern muß, in eine heilsame Schule gehen!

Ein schlimmes Schicksal hatte das große Fresko im Schiff der Kapelle. Fast die
Hälfte des ganzen Bildes ist im Laufe des letzten Jahrhunderts herabgefallen. Ein Teil
des Mittelstücks fiel >856 ab, und es wurde von Kunstmaler Zoller (Dietenheim) in
Leimfarbe übermalt, mit Ausnahme des Bildteils von Kapelle und Schloß. Ein anderer
Teil fiel 1895 herab und wurde von Biermann (Erolzheim) in Ölfarbe ergänzt. Ein
anderer Teil war von Gipsputz überzogen. Der letztere Teil wurde 1920 wieder aufgedeckt
und die anderen Partien wurden auf trockenem Putz mit Milchkalkfarbe ergänzt. So ist
cs Kunstmaler Hammer (Schwcndi) gelungen, das Gemälde wieder in alter Schönheit
erstehen zu lasten.

Das Gemälde zeigt unten vor einem Berge gelagert die ummauerte Klosteranlage in
der Mitte, links auf einem Berge die GotteSackerkapelle, rechts ebenfalls auf einer Anhöbe
die alte Schlüstclburg. Darüber öffnet sich ein Wolkenhimmel. Zuoberst thront die hei-
ligste Dreifaltigkeit und etwas unter ihr, sich an die Weltkugel anschmiegend, Maria.
Weiter unten links erscheinen von Engeln umgeben die Schutzheiligen Kosmas und Da-
mian, rechts St. Bernhard und im Hintergrund eine Anzahl von anderen Heiligen. Das
Gemälde ist also nicht eine „Krönung Mariä", sondern das Bild der Patrone des
Klosters als Fürbitter am Throne Gottes für die ganze K lo-
st e r g e m e i n d e. Die Einzelfiguren sind in lebhafter, guter Bewegung und vorzüglicher
Verteilung gegeben, so daß das Ganze zu einer großartigen Darstellung sich zusammen-
bindet.

Ein drittes Fresko über der Empore stellt einen L c i ch e n z u g dar: Kreuz und
Fahne werden dem von vier elegant gekleideten Männern getragenen Sarg vorangetragen,
dem der Priester und das Trauergefolge nachschreitet. Uber dem Zug tragen Engel ein
Spruchband. Wie das vorige Bild ist auch dieses mit kleinen Medaillons umgeben; doch
sind die vier Medaillons des Emporebildes zugedeckt geblieben.

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