Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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treten batte. Die Vollendung des Baues verzögerte sich jedoch, bis die Kirche am 28. Sep-
tember >664 durch Weibbischof Georg Sigismund eingeweiht werden konnte. Der Bau-
meister ist bis jetzt unbekannt. 1738 wurde eine Empore eingebaut für die Abhaltung des
Chorgebets. Wohl zu dieser Zeit wurden die Klccblattfenstcr am Giebel eingesetzt. 1756
erhielt das Kloster von der Gräfin von Königscgg-Aulendorf 402 fl. zur Ausbesserung
der Kirchendecke, die 1763 erfolgte. Dies ist die Entstehungszeit der feinen, zart abgetön-
ten Rokokodekoration. Der Kunstmaler R c b s a m e n, entstammt aus Sigmaringen,
1758 in Saulgau und später Bürgermeister, schuf das Antoniusgemälde an der Chordecke.
1780 entstanden die großartigen klassizistischen Altarmalereien. Es sind in Fresko an
dieWandgemalteAltaraufsätze, wie sie in unserer Diözese selten, häufiger
in der Diözese Augsburg, z. B. in der Wallfahrtskirche St. Thekla in Weiden, Vor-
kommen. Die für diese gemalten Altararchitekturen bestimmten Ölgemälde sind verschwun-
den. Nur die für die Nebenaltäre noch vorhandenen Kartuscheninschriften geben Anhalts-
punkte für die Bilder, die sie einst schmückten. Eine Inschrift lautet (Evangelienscite):
„So sehr hat Gott die Welt geliebt", Ioh. 3, 16, und das erhaltene Obcraltarfresko stellt
Jesus am Ölberg dar. Also wird wohl eine Kreuzigungsgruppe als Altarbild vorhanden
gewesen sein. Auf der Epistelseile trägt der Nebenaltar das ÖberaltarfreSko: Der Engel
mahnt Joseph zur Flucht nach Ägypten; die Inschrift ist aus Ofeas: „Aus Ägypten habe
ich meinen Sohn berufen". Das Altarbild hat wahrscheinlich eine heilige Familie ent-
halten. Die Wabl gerade dieser Bilder entspricht dem Gebrauch der Franziskaner: Ver-
ehrung des Leidens Christi und der bl. Familie. Wenn man sich noch erinnert, daß das
Deckcnfresko von Rebsamen den hl. Antonius darftcllt, so wird man schließen dürfen, daß
das Hochaltarbild ein Gemälde des hl. Franz von Assisi war. Es ist doch nicht ganz aus-
geschlossen, daß die Bilder noch irgendwo aus Privalbesitz auftauchen. Kaum stand die
Kirche 15 Jahre in ihrent neuen Schmucke, so beginnen die katastrophalen Heimsuchungen.
1796 benützten die Franzosen die Kirche als Militärspital und rissen die Bänke heraus.
17. Dezember 1810 erfolgte die Aufhebung des Klosters, und am 9. Januar 1811 zogen
die Ördcnslcutc fort. Am 6. Juni 1811 wurde die Kirche als Salzstadel benützt, die
Bänke kamen in die Stadtpfarrkirche, wo sie heute noch den Namen „Franziskanerstühle"
trage». 1812 wurden die Orgel und Altäre usw. verkauft um 500 fl. 1815 ging Kirche
und Kloster durch Kauf in den Besitz der Stadt über, welche den unteren Teil der Kirche
in ein „Gerstenbaus", den oberen in ein Theater verwandelte, welch letzteres 1886 ein-
ging. Am 4. August 1859 wurde durch einen Gewittersturm das Türmchen abgeworfen,
jedoch >864 durch ein neues ersetzt. Nachdem 1920 die Landwirtschaftsgenoffenschaft ein
Lagerhaus erbaut batte, wurde die Kirche wieder frei. Nach einer Reihe von Verhand-
lungen der kirchlichen mit der politischen Gemeinde in den Jahren 1902, 1908, 1919,
wo es sich zunächst um käufliche oder mietweise Überlassung handelte, faßte bei Gelegenheit
des goldenen Priesterjubiläums des Dekans und Stadtpfarrcrs Msgr. Müller der Gc-
meinderal den einstimmigen Beschluß, das Gerstenhaus unentgeltlich der Pfarrgcmeinde
zu übergeben. Dies geschah am JubiläumStage, 12. August 1920, in einer Urkunde, die
dem Jubilar überreicht wurde. Die Kirche'ging am 2. November 1920 in den Besitz der
Pfarrgcmeinde über. Sofort wurde mit der Restauration begonnen. Nach der Trocken-
legung und dem Dachumbau wurde das neue Portal eingesetzt, der Fußboden mit Soln-
hofer Platten belegt, neues Gestühl, Chorstühle, Beichtstühle, Kommunionbank beschafft,
eine Empore in Stuck eingebaut, die Unterbauten der Altäre in Sluckmarmor erstellt, die
EinrichtungSgegenftände stilgerecht durchmarmoriert, die Rokokostukkatur ergänzt und er-
neuert von Bahnmüller und Schenk; den dekorativen Teil der Malerei übernahm Kunst-
maler Rauch. Die Freskomalereien der Altäre und im Chor waren Kunstmaler Gallus
Roth (München) anvertraut, dessen Arbeit sich den größten und tüchtigsten Restaurationen
in Württemberg an die Seite stellen kann. Meister Professor Fugel (München) malte die
drei Bilder für die Altäre. Neben der Firma Dörr und Müller (Saulgau) befehligte
Stadtbaumeister Weber ein kleines Heer von Handwerkern, Geschäftsleuten und Firmen,
tim die Arbeiten zum befriedigenden und erfreulichen Abschluß zu bringen. Am 9. Oktober
1921 wurde mit der hl. Weibe durch Weihbischof Johannes Sproll das Gotteshaus seinen
früheren Zwecken wiedergegeben.
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