Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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von „Wirklichkeit und Phantasie" zu konstatieren. Mit diesen idealistischen Erklärungen
kann sich auch Hans Kogler") nicht einverstanden erklären, „weil die Personifikation der
anima fidelis kein treibender Bildgedanke ist". Er vertritt die Idee der Darstellung
Mariens, die als Engelkönigin verehrt wird von den Engeln, die ihre und der
Menschen Wiederbringung = Erlösung in ihren Liedern und Melodien preisen. Allein
den Ausdruck „Wiederbringung" versteht Köglcr ganz unrichtig als eine Erlösung
der gefallenen Engel oder eines Teils derselben. Die Stellen aus dem Marien-
leben Walters von Rheinau und des Bruders Philipp, aus dem alten Passional und
aus dem Buch „Die Walfart oder Bilgerschafft Mariä" (Basel 1489) hat Kögler ganz
mißverstanden. Sie sagen alle nur, daß der Platz oder Chor der gefallenen Engel „er-
setzet" wird, natürlich nicht durch Aufnahme der gefallenen Engel, sondern durch die
Erlösung der Menschen, wie wir später noch zeigen werden. Die Ansicht KöglerS ist
dogmatisch absolut unhaltbar, denn sie würde zur Irrlehre der apokatastasis panton
führen. Etwas Derartiges konnte und wollte Grünewald nicht darstellen, und hätte es
den Bestellern seines Werkes nicht bieten können und dürfen.

Idealistische Wege geht auch eine andere Gruppe von Erklärer» des Bildes. .Zu
ihr gehört der ungenannte Verfasser der Beschreibung des Bildes in einem französischen
Inventaire des tableaux auf der Stadtbibliothek zu Kolmar vom Jahre 1794. Hier
heißt cß7): „Gegenüber (von der Madonna mit dem Jesuskind) wird ihr (Maria) w i e
in einem Gesicht die künftige Verehrung und Herrlichkeit, die sie zu gewärtigen
hat, gezeigt". In seinem Bericht „über das Kolmarer Museum" im Kunstblatt, Stuttgart
1870, Nr. 104, S. 413 — 415") schreibt M. Engelhardt: „Unter einem einzelnen vertreten-
den Bogen kniet in reichster Bekleidung, die Krone auf dem Haupt, die Himmelskönigin
selbst, in Anbetung versunken vor dem unaussprechlichen Wunder, zu dem die himmlische
Allmacht sie erkoren, und deren irdische Wirklichkeit ihr gegenüber dargestellt ist. Diese
ganze Himmelsszene ist in demselben ätherischen, zerfließenden Sonnenglanz, in
demselben warmen Lichtduft, wie auf der anderen Hälfte Gott der Vater. Es ist in diesem
ganzen Teile eine Erhabenheit, eine Geistigkeit der Zeichnung, eine mit dem ruhigen
Sinnenkolorit der andere» Hälfte unbegreiflich kontrastierende Zauberbeleuchtung, wie
sie nur einer Verzückung der lebhaftesten Imagination in jene Welt möglich sein konnte."
Diesen Deutungen scheint sich mir anzuschließen Dr. Feurstein, Donaueschingen"). Er be-
trachtet „die verklärte Mädchengestalt als die vorzeitliche Maria im Ratschluß der Er-
lösung" , „Maria als Idee, als ewigen Gedanken, aufkeimend, wachsend, Maria vor der
Zeit, auf der Schwelle der Zeit, wie sie sich selbst als Erfüllerin der Zeit schaut" im
Gegensatz zu dem rechts davon befindlichen Bilde, wo „die in die Zeitlichkeit gestellte
Mutter, ein Wesen von Fleisch und Blut, versenkt in das Schicksal des Kindes, Maria
als Gestalt, als Weib, als irdische Vollzieherin des Gottesschicksals" uns lebendig gegen-,
Übertritt. Damit hat Feurstein die Deutung seiner beiden Vorgänger unzweifelhaft groß-
artig vertieft, und die Erscheinung Mariens mit dem strahlenden Nimbus der vorweg-
genommenen Ewigkeit verklärt. Vertieft und gesichert erscheint ihm seine Auslegung vor
allem dadurch, daß er glaubt, die Quelle entdeckt zu haben, aus der allein oder hauptsächlich
der Künstler geschöpft hat, um sein Bild und alle Einzelheiten desselben zu komponieren.
Diese Quelle ist ihm das Buch der Offenbarungen der hl. Brigitta, das zuerst von Anton
Koberger in Nürnberg 1502 gedruckt wurde. Feurstein sucht nachzuweisen die Beziehun-
gen Grünewalds zu Dürer und damit zu Nürnberg, und daraus seine Kenntnis des
Druckes herzuleiten. Man muß zugeben, daß besonders das 10. Kapitel des 3. Buches die-
ser Offenbarung eine ganz überraschende Reihe von Anknüpfungspunkten für den Bild-
inhalt des Jsenheimer Werkes darbietet. Aber, wäre es nicht denkbar, daß dem Meister
eine näherliegende Quelle zugänglich gewesen wäre? Ist eS wirklich mit Sicherheit anzu-

8) Repertorium d. Kunstwissenschaft, XXX, S. 514 ff.

0 A. H. Schund, Die Gemälde und Zeichnungen des M. G., Straßburg, 1911, S. 329.

8) 1. c. S. 364.

a) Heinr. Feurstein, „Zur Deutung des Bildgehalts bei Griincwald" in „Beiträge zur Geschichte
der deutsche» Kunst, herausg. von Büchner u. Fcuchtinayr, 1, S. 23. (Verlag Filfer, Augsburg, 1924.'

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