Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 60
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nehmen, daß in jenen Zeiten der relativen Seltenheit der Bücher, der nicht leichten Be-
schaffung derselben, der Künstler oder sein Auftraggeber von dem Werk der hl- Brigitta
Kenntnis hatte? Bietet nicht die Liturgie und Predigt, sagen wir, die lebendige, im Volks-
bcwußtsein lebendige Mariologie jener Zeit sicherere und verständlichere Anhaltspunkte
für den Maler?

Als eine Hauptstütze seiner Ansicht von der Benützung der Offenbarungen
hl. Brigitta durch Grüncwald bezeichnet Feurstein das Vorkommen des Bildes vom
Bienenstock bei Brigitta und bei Grünewald in> Stuppacher Bild. Allein für das
Bild des Bienenstocks gibt es eine viel ältere Quelle, die im Mittelalter gut gekannt,
viel gelesen und viel in der Predigt benutzt wurde. Dies ist CaesariuS von Haisterbach in
seinem Dialogus miraculorum, der folgendes erzählt: Ein Weib pflegte einst mit
großer Sorgfalt viele Bienen, mit denen sie aber keinen Erfolg hatte. Sie erbat sich
iibcrall Auskunft und Rat, wie man dem Uebel abhelfen könne. Da riet ihr jemand,
sie solle eine heilige Hostie in den Bienenkorb hineinlegen. Diesen verbrecherischen
Rat befolgte das Weib. Allein, o Wunder der göttlichen Allmacht und Weisheit! Als
ob die Bienen den in ihrer Mitte weilenden Schöpfer erkannt hätten, gingen sie sogleich
daran, ihrem süßesten Gaste aus Wachs und Honig kunstvoll eine Kapelle als Wohnung
zu bauen und darin einen Altar zu errichten, worauf sie dann die heilige Hostie legten.
Nach einiger Zeit öffnete das Weib den Bienenkorb. Furcht und Staunen ergreift sie,
als sie das Wunder Gottes erblickte. Voll Reue über ihren Frevel bekennt sie den»
Priester ihre Tat. Dieser begibt sich »nit seinen Pfarrkindcrn zu dem Bienenkorb, den
seine Bewohner zahlreich umfliegen, wie zur Verherrlichung Gottes. Leicht ließen sie sich
beruhigen und ct»vaö entfernen, und alles bewunderte den kunstreichen Bau. Das Aller-
heiligste »vurde dann in die Kirche getragen unter den» lauten Lobpreis der Gemeinde. —
Dies die Erzählung. Mit dieser Gotteswohnung des Bienenkorbs eint sich aufs leich-
teste die Gotteswohnung in Maria und in dein auf dein Stuppacher Bilde sich daneben
erhebenden Domchor. So würde sich also auf dem Stuppacher Bild dieZusa >>»-
in c n s e tz u n g dreier G o t t e s t a b e r n a k e l ergeben'".) — Ucbrigcns singt auch
Gotfried von Straßburg, oder wer es sonst ist, in dem Lobgesang auf Maria und
Christus:

Din erbermde . . .

si ist ein wabe

des lebenden HongeS seine (==> sei»»).

d. i.: Deine Barmherzigkeit ist eine Wabe lebendigen Honigseims''.) Ein altes Officium
Immaculatae Conceptionis singt von Maria selbst:

Virga frondens germinis,

Vellus Gedeonis,

Porta clausa Numinis
Favusque Samsonis 12).

Und schon KlemenS von Alexandrien wendet das Bild von der Honigwabe an, wenn
er sagt: Sic Christus ex horto mundi lmius accepit humanitatem nostram et
dulcissimum favum mellis reddidit nobis'3).

In demselben Bilde bleibt auch Konrad von Würzburg, wenn er von Maria singt:

Du bist der süezcn bete ein wabcn,
der schone tropfet zaller zit,
man iliider diner zungen lit
Diu milch und auch der honicseim. ")

30) Kelter, 200 Erzählungen vom Altarsakrament, Mainz, 1896, S. 229 ff.

1J) Wackernagcl, Alldeutsches Lesebuch, Basel 1S73, 5. Sp. 653.

12J Vade mecum von Sintzel, Kempten 1843 S. 161

1?) Clemens Alex, ström. 1.2 bei Mansi, Bibliotheca moralis II S. 194.

l4) Konrad von Würzburg, Die goldene Schmiede, von 205 -- 209.

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