Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 61
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Und damit kommen wir auf die Wurzel des Bildes in der Heiligen Schrift, wo
eö heißt: favus distillans labia tua; rael et lac sub lingua tua. d. i.: „Es träufeln
deine Lippen, Braut, von Honigseim, und deine Zunge, die birgt Milch und Honig"'H.

Mit diesen Darlegungen dürften diese Beweissätze Feursteins für eine Benützung
der Offenbarung der hl. Brigitta ihren stringenten Wert eingebüßt haben.

Zwei weitere neuere idealistische Erklärer des Altarwerkes haben denn auch Stellung
dagegen genommen, die Bilder aus einer bestimmten Quelle abzuleiten; nämlich Profeffor

Dr.RudolfGüurher'O)
undEgidBcitz'I.Der
letztere sucht jedoch wie-
der als vorzügliche
Quelle das Augustiner-
brcvier zu bezeichnen.
Beide betrachten die
vielumstrittene kniende
Gestalt am Ausgang
des Tempels als spon-
sa Christi und als
Symbol der Kirche.
Besonders ist cs Gün-
ther, der in weitausge-
fponnener Beweisfüh-
rung die Figur als
mystisches Sinnbild der
Christusbrautschaft
Mariens auffaßt.
Die Beweisführung
krankt aber dann doch
vor allem an der Miß-
lichkeit, daß in diesem
Falle auch die Figur
Mariens im Vcrkün-
dungsbild und die Mut-
ter mit dem Jesuskind
im dritten Bild unter
den Begriff der Chri-
stusbrautfchaft zu neh-
men wären. So hätten
wir eine dreifache Dar

mm


Büste des Iubelbifchofo

Modelliert von
Ma.r Seibold, München

stellung Mariens unter
demselben Gesichtswin-
kel, was doch ziemlich
ungereimt erscheint.
Die sehr schwungvolle
und, dem Stoff ange-
paßt, hie und da fast
poetische Darlegung
Günthers hat aber den
zweiten Fehler, daß er
das Altarwerk, wenig-
stens in seinen zwei her-
vorragendsten Teilen,
unter den Begriff der
mystischen Synthese
vonsponsus et spon-
83 bringen will und daß
er den Altar als ein
letztes (?) großes Werk
zur Verherrlichung
Mariens im Mittel-
alter ausfaßt. Der
schwächste Teil seiner
Beweisführung aber ist
die Ikonographie der
sponsa Christi. Er-
führt hier eine Reihe
von Bildwerken an, die
nur eine entferntere
Beziehung zu dem Ge-
danken von der spoirsa
Christi enthalten. Das

Heranziehcn der Darstellungen des Licbcsbricfmotivs ist vollends von sehr problematischer
Bedeutung. Es ist fast unbegreiflich,wie der Verfasser sage» mag:,,In diese ikonographische
Gesamtreihe gehört als Schlußakt der monumentalen Auffaffung das Mittelbild des Isen-
heimer Altars"). Es ist nicht richtig, was Günther sagt"): „Die Möglichkeiten der
Deutung sind erschöpft". Ebensowenig ist es richtig, daß nach einem Rezensenten im laufen-
den Jahrgang der Zeitschrift „Theologie und Glaube" mit der Güntherschen Deutung eine
causa finita gegeben ist. (Jahrgang 1924 S. 667 und 1925 S. 148.)

1=) Hohes Sieb, 4, II. lleberfetzung von Ricßler.

*o) Die Bilder des Gcnter und des Jfenheimer Altars, von Prof. Dr. Rudolf Günter, 11. Teil,
bie Brautmystik im Mittelbild des Ifcnheiiner Altars. Mit einer Bildtafel, Leipzig, Dietrich, 1924.
(16. Heft der Studien über historische Denkmäler von Ioh. Ficker.)

*7) Grüuewalde Iscnhcimer Menschwerdungsbild und feine Ouellen, vo» Eaid Beitz, Köln, Mar-
-a» 1924.

18) Günther «. a. 0. S. 127.

10) Günther S. 1.
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