Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 62
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Auch Beitz sieht in der Tempelfigur die Christusbraut, noch mehr aber iu der Mutter
mit dem Kind: denIesusknabeualsKindundBräutigam Mariens.
Das Kind habe seiner Braut und Mutter die Festkleider und den Brautschmuck aus dem
Himmel mitgebracht als Morgengabe, die Tcmpelfigur hebe mehr die Jungfräulichkeit
hervor, das Bild im Garten bringe mehr das Muttermotiv zum Ausdruck""). Damit wäre
die Christusbraut also zweimal in einer gewissen Steigerung oder Entwicklung dargestellt.

Schon vor diesen beiden hat auch Groner"') die Tempelfigur als „Kirche" angesehen.

Un» diese Reihe von Deutungen abzuschließen, sei als Kuriosität bemerkt, daß Welt-
mann"') dieselbe Figur als Erzengel Michael auffaßt, eine ganz sonderbare Erklä-
rung, die keinen Anhänger gefunden hat.

Auf viel realerem Boden bewegen sich eine Reihe von Erklärer», deren Reigen
Lange"') eröffnet. Er sieht iu dem Bilde „M a r i ä Erwart u n g", die exspectatio
partus und er hat mehrere Anhänger seiner These gefunden. Zu diesen gehören Kögler"),
H. A. Schmid"'), Walter'"), Müller'7), Mayer'"), Hagen"") und Bernhart'"). Wenn da-
gegen Günther'7) hervorhebt, das Fest exspeetatio partus sei erst von Gregor XIII.
(1572— 1585) als besonderes Fest eingesetzt worden, so beweist das gegen den Gedanken
der „Erwartung Mariens" nicht das geringste. Allerdings ist die Verquickung dieses Ge-
dankens mit dem Begriff der „Tempeljungfrau" bei Bernhart ganz abzuweiseu.

Wir möchten uns iu der Hauptsache mit bestimmten Modifikationen au diese letztere
Erklärerreihe anlehnen.

Es drängt sich die Frage auf: wie ist es möglich, daß bei der Deutung des Bildes die
Ansichten so weit auseinandergehen? Der Grund dieser Erscheinung liegt in der nicht ein-
wandfreien M e t h o d e der Erklärer. Wohl ist.sehr begreiflich, daß die Forscher sich mit
einer gewissen Ausschließlichkeit auf die am schwersten zu erfassende und die am meisten Rät-
sel aufgebende Partie des Altarwerkes geworfen haben. Der Gegenstand mußte zu seiner
Bewältigung reizen. Durch die intensive Beschäftigung mit diesem Teile deö Werkes ist auch
unleugbar eine große Anzahl von Erkenntnissen gewonnen, oder eö sind diese Erkenntnisse
vertieft und gesichert worden. Allein es ist ein methodologischer Fehler, aus dem wunderbaren
Ganzen des Monumentalwerks ein Stück hcrauSzunehmen, es allein für sich zu betrachten,
ohne den Zusammenhang mit dem Ganzen immer vor Augen zu haben. So ist eö dazu ge-
kommen, daß das Bildwerk statt einer Aufhellung eine Auflösung und Zerstückelung in alle
möglichen Kleinigkeiten erfuhr und daß man iu dasselbe Dinge hineingelesen hat, die nicht
darin stehe» und dem Meister wie seinen Auftraggebern vollständig ferngelegen haben.
Das Isenheimer Altarwerk muß als ein Ganzes gesehen und erklärt werden; cs muß in
ihm nach dem Leitmotiv gesucht werden. Ist dieses gefunden, so muß sich die Zurückführung
des Leitmotivs auf alle Einzelheiten leicht und ungezwungen ergeben. Je einfacher sich die
Einzelheiten in das Leitmotiv einstigen, je klarer das Leitmotiv in denselben immer wieder
zum Ausdruck kommt, um so sicherer und begründeter wird die gefundene Erklärung sein.
In diesem Sinne möchten wir an die Deutung der Geheimnisse des Altarwerks herantreten.

20) Beitz, S. 57. Von einem besondere» Brautschnnick ist übrigens gar nichts z» entdecke»!

21) ®toncr, Die Geheimnisse des Isenheimer Altars in Kolmar, Straßburg 1920.

22) Weltmann, Geschichte der deutschen Kunst im Elsaß, 1876.

'3) Lange, Maria Erwartung, ein Bild GrünewaldS, Repert. f. Kunstwissenschaft, XXXIII,
>910, S. 120 ff. >

'*) Kogler, Zu GrünewaldS Isenheimer Altar, Repert. f. Knnstwissensch. XXX, 1907.

'■') H. A. Schmid, Die Gemälde und Zeichnnngen von M. G., Straßburg 1911.

'") Walter, Das Mysterium der Jungfrau, Christi. Kunst, XVII, 1920/1921.

s.7) Müller, Zu Gr. Isenheimer Altar, Christi. Kunst, XVI, 1919/1920.

2fi) Mayer, M. Grünewald, München 1919.

Hagen, M. Grünewald, München 1927 (4. A.).

a")'Bernhart, Symbolik im Menschwerdungsbild des Js. Altars, München 1921.

31) Günther, S. 76.

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