Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 63
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II. Der Aufbau des Altarwerks.

Das Jsenheimer Altarwerk ist nicht in seiner ehemaligen Vollständigkeit auf uns ge-
kommen. So wie es vor »ns steht, präsentiert es sich als einen Wandelaltar mit einer
dreifachen Abwandlung. Der ganz geschloffene Altar zeigt eine Kreuzigungsgruppe im Mit-
telschrein, mit zwei Flügeln (AntoninS und Sebastian) und einer Predella (Beweinung vor-
dem Grab) als Gemälde. Nach der ersten Öffnung wird ein vierteiliges Altarbild sichtbar:
Mariä Verkündigung, sog. Engelkonzert, Maria mit Jesuskind, Auferstehung Christi. Bei
der zweiten Öffnung der beiden Mittelbilder zeigt sich ein Skulpturenwerk: in der Mitte
S. Antonius Eremit«, zu beiden Seiten S. Augustin und Hieronymus, als Predella: Chri-
stus und die Apostel. Wir erkennen, daß den Bildern, die sich bei der ersten Öffnung er-
geben, ein eigenes Prcdcllenbild fehlt, und wir möchten annehmen, daß auch dieser Teil des
Wandelaltars einst mit einem eigenen Predellengemälde geschmückt war, etwa einer Anbe-
tung der Dreikönige. Was den Gebrauch der Wandelaltäre betrifft, so wurden dieselben je
nach den einfallcnden Festen in dieser oder jener Abwandlung eröffnet und gezeigt. Hier ist
vor allem die von mehreren Kunstschriftstellern ausgesprochene Meinung abzuweisen, der
geschloffene Altar sei für die Alltage oder Werktage, der geöffnete für die Festtage bestimmt
gewesen. Man muß dem katholischen Mittelaltar ein bedeutend feineres liturgisches Gefühl
vindizieren, als es in dieser Anschauung zum Ausdruck kommt. In der Liturgie der Kirche
gibt eö keine Alltage und Werktage, jeder Tag ist eine Fcria, ein Festtag Gottes. Das ist
sehr zu beachten.

Dagegen kennt die katholische Liturgie drei Jahrcsfeftkrcise, WeihnachtSfestkreis,
OsterfcstkrciS und Pfingstfestkreis. Diesen drei Jahresfestkrciscn des Kirchenjahrs entspricht
nun im großen und ganzen der Aufbau des Jsenheimer Altars. Für die Advents- und Weih-
nachtszeit wird der Altar zum erstenmal geöffnet und zeigt die der Stimmung der Kirchcn-
zeit angemessensten Bilder. In der Fastenzeit wird der Altar geschloffen und zeigt das Werk
der Erlösung im Kreuzestod Jesu. In der Pfingftzeit wird der Altar zweimal geöffnet und
zeigt die Bilder der Heiligen und Christi im Kreise seiner Jünger. Für diese Zeit ist nicht
die Sendung des heiligen Geistes dargestellt, sondern die fruchtbare Wirksamkeit des hei-
ligen Geistes in der Heiligung der Menschen. So der Hauptsache nach. Im einzelnen konnte
natürlich an bestimmten Festen eine Abänderung in dieser hauptsächlichen Zweckbestimmung
vorgenommen werden. Es kann z. B. an den Osterfesttagen auch die Wandlung mit dem
Bild des Auferstandenen gezeigt werden, obwohl das Paffahlamm auch auf dem Kreu-
zigungsbild steht. Wir treten also lebhaft dafür ein, daß der Altar auch eine liturgische
Zweckbestimmung in diesem seinem Aufbau hat und durch diese liturgische Bestimmung er-
hält das Werk, schon rein äußerlich betrachtet, eine straffe Bindung und Zusammen-
gehörigkeit der einzelnen Teile und darin liegt schon etwas von der Monumentalität seiner
Bedeutung.

Aus diesem liturgischen Aufbau des Altarwerks hebt sich in wunderbarer, fein abge-
stimmter und wohl abgewogener Farbenskala der künstlerische Aufbau heraus.
Die in der Gedankenreihe zuerst zu betrachtende Bildreihe, welche bei der ersten Öffnung
des Wandelaltars erscheint, wird mit zwei architektonischen Räumen eröffnet. Der erste
Raum für die Verkündigung ist der Hauptsache nach hochgotisch und nur die Fenster verraten
die spätgotischen Maßwerke. Dann folgt eine an einen Ziborienaltar erinnernde, nach zwei
Seiten offene Kapelle in barocker Spätgotik, deren Ecksäulchc» wie eine getriebene Gold-
schmiedSarbcit anmuten und an manche spätgotische Monstranzen erinnern. Dies ist der Ort
für das „Engelskonzert". Für diese Verwendung von zwei stilverschiedenen Architektur-
ränmcn hat Grünewald einen Vorgang in dem Bilde von der Vermählung Mariens dcS
Meisters von Flemalle^), daS sich im Prado zu Madrid befindet. Auf diesem Bild ist mit
der rechtsstehenden hochgotischen Brauttorvorhalle, in welcher Maria mit Joseph vermählt
wird, ein Renaissancerundtempel mit drei offenen Rundbogenarkaden verbunden, in welchem
um den betenden Hohenpriester sich eine Menge von Leuten drängt. Hat. Grünewald dieses
Bild gekannt, so muß man sagen, daß ihm die innige Verbindung der beiden Bauwerke,

3') Max Friedländcr, Di« altniederländ. Malerei, II. Bd., 1924.

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