Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 65
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Ausführung und ins einzelne gehenden Begründung seiner These gekommen. Die meiste»
Forscher haben de» Gedanken der Erlösung nur auf einen Teil des ganzen Werkes anwenden
zu können geglaubt. Wir möchten nun die These aufstellen und zu beweisen suchen, das;
das ganze Werk im Gedanken der Erlösung gipfelt. DaS Wort
„redemptio" ist das Losungswort für den Isenhcimer Altar. Entsprechend den drei Ab-
wandlungen dc§ Altars wird dieses Thema in drei Stufen oder Teilen durchgeführt:

Der e r st e T e i l handelt vom redempto r, d e in Erlöse r. Sein Werk schil-
dert das vierteilige Bild der ersten Öffnung des Mittelschreins in der Verkündigung,
Erwartung, Verwirklichung und Vollendung des Erlösungsratschlusses.

Der z w c i t e T c i l enthält die Schilderung des » p u s r e d e in p t i o n i s, der
Erlösungstat bei ganz geschlossenem Mittelschrein.

Der d r i t t e T e i l zeigt die rede m p t i, die Erlöste n, bei dem zweimal ge-
öffneten Mittelschrein.

Ist auch das Kunstwerk in seinem letzten Teil, dem Skulpturenwerk, nicht ganz aus
der Hand des Meisters Grünewald hervorgegangen, so hat er doch auch die Ausführung
dieses Teils jedenfalls wesentlich beeinflußt und ja hierzu die Gemälde der Seitenflügel
geschaffen. Wie cs auch sonst häufig bei Erstellung von Altarwerken der Fall war, werden
wohl die Auftraggeber, die Antonitermönche von Iscnhcim, dem Künstler den Haupt-
gedanken insinuiert haben. Ja, es kann gut sein, daß der Plan zum großen Werk auch in
manchen Einzelheiten von den gebildeten Mönchen mit dem beauftragten Künstler durch-
beraten und durchgcsprochen wurde. Wahrscheinlich ist, daß bei der hohen dogmatischen und
liturgischen Bedeutung des Gedankens der Theologe den Künstler geleitet hat — die Aus-
führung der großartigen und tiefsinnigen Gedankenreihe mit ihrer verblüffenden Neuheit in
Anordnung und Gruppierung, mit ihrer liebevollen Verwendung von Motiven aus der
überreichen Schatzkammer der Mariologie und ihrer Grundlage, der Heiligen Schrift, mit
ihrer brillanten Farbenzusammenstellung und den schimmernden Lichteffekten, mit ihrer ganz
eigenartig und persönlich wirkenden Individualisierung der Einzelfiguren in manchmal
fast bizarrer Zeichnung und Modellierung: all das bildet den unverwelklichen Ruhmeskranz
des Künstlers Matthias Grünewald. Mit einer dem großen Gedankenkreis adäquat großen
Künstlerseele hat der Meister ein Werk geschaffen, daö imstande war, den Insassen des
Klosters und des Spitals und seinen armen Kranken Inhalt und Geist, Gnade und Trost
des Erlösungsgedankens zu vermitteln.

IV. D e r E r l ö s e r i m I s e n h e i m e r A l t a r.

I. DaS Tympanonbild.

Eine Anzahl von Gelehrten hat mit dem kleinen T y m p a n o » bilde im
„Engelskonzert" nichts anzufangen gewußt und dasselbe bei der Erklärung kurzweg über-
gangen, weil ihr Blick ganz von der Frauengestalt darunter gefangen und von ihren Rätseln
befangen war. Schon beim ersten Anblick einer Reproduktion des Isenheimcr Altars vor
Jahren hat dieses Tympanon unser Augenmerk auf sich gezogen und wir haben in ihm den
Schlüssel für die ganze Darstellungsreihe vermutet. Aber was sollen
die beiden Figuren bedeuten? Ein alter Mann im wallenden Bart sitzt auf einem Thron-
seffel, vor ihm kniet ein zweiter Mann in reichem Bart und erhebt seine Linke zu dem
Sitzenden, der dem Knienden gegenüber segnend seine Rechte auöstreckt.

Das Bildchen ist in der letzten Zeit mehrfach von de» Gelehrten zu deuten versucht
worden. In einem kurzen Sal; spricht Bernhard sich mit apodiktischer Sicherheit dahin
aus: „Keines Wortes mehr bedarf die Szene im Tympanon über den kronehaltenden
Engeln: AbrahamempfängtdenSegenMelchisede ch s„ in dem Christi
ewiges Priestertum vorgebildet"^). Dieser Deutung ist auch Günther^') beigetreten. Da
er in dem „Engelkonzert" die Hochzeit Christi mit der Kirche sieht, will er die beiden Ge-
stalten als Brautzeugen ansehen: „Melchisedck, auf dem Ehrenstuhl sitzend, der Priester-
könig von Jerusalem, den der Hebräerbrief in eine Wolke des Geheimnisses hüllt, segnet 31

31) Bernhart, S. 19.

8!i) Günther, S. 82.
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