Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 67
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Uitb sie stiegen mit großen Freuden hernieder in das Templum Salcmonis. Da
wollte der allmächtige Gott nenn Monate zur Herberge sein. —

Soweit Schwester Mechthild^"). Nie ist in der deutschen Literatur der Rats ch l u ß
der Erlösung mit majestätischerer Einfalt und Einfachheit und mit zarterem Ticf-
blick geschildert worden. Der poetische Reiz und die psychologische Feinheit der Schilderung
der Schwester Mechthild (1' 1293) ist von dem mittelalterlichen Poeten, der sich in den-
selben Gegenstand vertieft, lange nicht erreicht worden. Wir meinen M a r t i n M yliu s
(MylliuS), einen Augustinerchorherrn in den Wengen zu Ulm. Dieser hat 1517 eine
Paffio Christi herausgegeben, in deren Einleitungsgedicht: „Die christenlich Verkündung
von Gabriele Erzengel, zuo singen under dem thon Hl c,nennt er singt:

Nachdem den Menschen Cherubin mit schaden
außjagt von frocd des ParadyS, belade»
mit schwerer sünd, das er do solt beklagen
und sünd bewaincn:

Do wnrd gemainlich gnot und boeß verloren,
es kam dann gott, von rainer magt geboren,
die er von ewigkeit hat außerkoren,
möcht uns verainen.

Nu» bsaß die boechst trcyainigkait, mit namcn
vatter, sein weißhait, lieb bind sy zcsamcn,
ain rottundb s ch l o fi, das solt menschlichen samen
gott selb erloesen.

Daran schließt sich die Erzählung von der Verkündigung^"). Diese beiden literarischen
Zeugniffe beweisen zunächst jedenfalls, daß der Gedanke vom göttlichen Ratschluß der
Erlösung dem Mittelalter genugsam bekannt war: DaS Buch der Schwester Mechthild
muß in den süddeutschen Gegenden, besonders am Oberrhein, sich lange Zeit einer großen
Beliebtheit erfreut haben. Die dem Kreise der Mystiker angehörige Margareta Ebner
von Basel, auch „Margareta mit dem goldenen Ring" genannt, empfahl dasselbe einer
in der Nähe von Einsiedeln wohnenden Waldschweftcr (Klausnerin), von der die Hand-
schrift ins Kloster Einsiedeln kam. Die genannte Baseler Schwester batte das Buch von

4") Wir können uns nicht versagen, die Stelle im Urtext wiederzngeben:

Do hup sich aber ein hoher rat in der heiligen drivaltekcit.

Do sprach der ewige vatter: Mich ruwct min arbeit,

Wan ich hatte miner heligen drivaltekcit
ein also lobelich brut gegeben.

De die hocchste engel ir dienstman sollen wesen.

Ja were och lucifer an sine» crcn blibcn,
si soclte sin gocttinncn sin gewesen,

Wan ir war de brutbctte alleine gegeben.

Do wolle si mir nit langer glich wesen.

Nu ist si verschaffe» und grulich gestalt
Wer solle den Unflat in sich nemen?

Eya, do knuwete der ewig sun vor vor sincm vatter und sprach: Liber vatter, de wil ich wesen; will»
mir dine» fegen geben. Ich wil gerne die blutigen menschcit an mich »einen und ich wil des mcnschcu
wunden salben mit dem blute miner nnschuldc und wil alles Menschen scrc verbinden mit einem tuchc
der ellenden smachcit nutz an min ende, und ich wil dir, tritt vatter, des Menschen schulde mit menschlichem
tode vergelten. Do sprach der hclig Geist zu dem vatter: D almcchtiger got, wir wellen ein schocne
procession haben und wellen mit großen eren wandeln unvcrmischct von diser hocbi nidcr. Ich bin doch
Marien kamerer vor gewesen. Do neigte sich der vatter in großer minnc zu ir beider willen, und
sprach zu dem heligen geiste: Du solt min licht vor mincn lieben sun tragen in all» du Herzen, du er mit
Minen Worten sol bewegen, u» snn, du solt bin eruze ufncmcn. Ich wil mit dir wandeln alle dine wcge
und ich wil dir eine reine suncfrowe zu einer mnter geben, de du die unedel menscheit dest crlichcr mäht
getragen. Do ging die schocne processio mit großen froeden harniedcr in das templum Salamonis, do
wolle der almechtigc got nun manode ze Herberge wesen.

Galt Morel, Offenbarungen der Schwester Mcchtild von Magdeburg, oder das fließende Licht
der Gottheit, aus der Handschrift des Stifts Einßcdcln, Rcgcnsbnrg, Manz, 1869, 3. Teil, 10. Kap.,
S. 70/71.

41) Hymnus des Breviers zu Ehren Johannes des Täufers.

■>") Wacknernagel, Lesebuch, Sp. 1711 und 1517.

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