Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 68
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dem Mystiker Heinrich von Nördlingen erhalten, der eS in einem Briefe von 13-15
rühmt und es vom Niederdeutschen ins Oberdeutsche übersetzt hatte. Eine lateinische Über-
setzung, verfertigt von einem Dominikanerbruder Heinrich, findet sich noch in zwei Exem-
plaren aus dem 14. und 16. Jahrhundert in der Baseler Bibliothek. Im 14. und 15.
Jahrhundert war das Buch für viele gottinnige Seelen Quelle hohe» geistigen Genuffes
und tiefer Erbauung gewesen"). So ist kein Zweifel, daß der Gedanke von» Ratschluß der
Erlösung »veiteren Kreisen nicht freind bleiben konnte. Es ist anzunehmen, daß Grünewald
oder seine Auftraggeber ebenfalls sichere Kunde von dieser Idee gehabt habe». Ausschlag-
gebend aber ist, daß auch die mittelalterliche Kunst den Gedanken verarbeitet
hat. Bekannt ist die de»n 10. Jahrhundert angehörigc Darstellung der Dreifaltig-
keit m i t Maria u n d Jesuskind"): In einer» Kreise sitzen auf einem Seg-
mentabschnitt desselben Gott Vater mit Buch in der Linken und segnender Rechten. An
die rechte Seite des Vaters schrnicgt sich an der Sohn (beide mit Kreuznimbus), ebenfalls
ein Buch in der Linken, die Rechte auf feine Brust legend, Hände und Füße mit den
Wundmalen, die Füße, unten gekreuzt, treten mit dem rechten Fuß des Vaters auf eine
kauernde Tcufelsgcstalt. An der Rechten des Sohnes sitzt Maria, die Krone auf dein
Haupte und das Jesuskind mit einem geöffneten Buche auf ihren Schoß mit der Rechten
baltend. Über Mariens Haupt, die Krone berührend, steht die Taube des Heiligen Geistes,
ebenfalls mit Kreuznimbus, den Kopf dem rechten Ohr Mariens zuneigcnd. Gott Sohn
neigt sich dem Vater entgegen, »vie wenn er sagen »vollte: ich bin bereit, das Werk zu erfül-
len. Es kann gar kein Zweifel sein, daß cö sich hier um den Ratschluß der Erlösung han-
delt. Darauf »veiscn die Bücher hin alö Zeichen des Ratschlusses der göttlichen Weisheit
»ind die Beziehungen auf das KrcuzeSleidcn des Herrn, die Wundmale und die gekreuzten
Füße, die den Teufel zu Boden treten. Auf einen anderen Gedankeninhalt kann man gar
nicht kommen.

Ein zivcites Bild, daS hieher gehört, stammt von dein L ivre d’h eures der
Katharinavon Kleve und ist im Besitz des Herzogs von Arenberg zu Brüssel4").
Auf einer breiten Thronbank sitzt Gott Vater (links) mit dreifacher Krone; zu seinen
Füßen kniet Gott Sohn, er allein »nit den» Kreuznimbus, und empfängt von Gott Vater
ein kleines Kreuz (»vie der Papst feinem Legaten das Legatenkreuz übergibt); die Rechte
des Vaters spendet den Segen; der Heilige Geist, der ebcilfallö auf der Thronbank sitzt,
»nit gekreuzter Stola angetan, legt seine Rechte auf die Schulter des Sohnes (ähnlich »vie
die Firinpatc»»). Es ist wieder»»»»» das Anerbieten des Sohnes zur Übernahme des Erlö-
sungswerkes in den» Bilde ausgesprochen. Gegenüber de»»» erstgenannten Bilde ist eine
Vereinfachung zu konstatieren »nit der Beschränkung auf die Abbildung der drei göttlichen
Personen. Denkt man sich die Figur deS Heiligen Geistes »veg, so ist die Ähnlichkeit der
ganzen Haltung des VaterS und des Sohnes »nit den» Tympanonbilde unverkennbar.
Grüncwald hat eine »veitcre ikonographische Vereinfachung vorgenommen und konnte das
tun, »veil auf seinem Werke der Heilige Geist schon auf de»»» Verkündigungsbilde auftritt.
Er hat beide Personen, Gott Vater und Sohn, als alte Personen gegeben, »nn die Einig-
keit des Ratschlusses Gottes anzudeuten.

Es erübrigt uns noch, die biblische Quelle für die Idee von» Ratschluß Gottes auf-
zudecken. Es könnten wohl drei Stellen hiefür in Betracht kommen: Psalm 39, 8: „Da
sprach ich: Siehe, ich bin bereit zu den», »vas in der Bücherrolle mir ist vorgeschrieben. Zu

") I. Müller, Leben und Offenbarungen der bl. Mechtildis und der Schwester MechtildiS, 2 Bde.,
Regensburg, Manz, 1880 und 1881, II, S. X-XII.

") Abgcbildet in Dctzels Ikonographie I, 60, und in Müller u. Mothes, Arch. Wörterbuch,
Figur 588, f. v. Dreieinigkeit. Leider gebe» beide Werke nicht an, >vo sich das Bild befindet.

45) Abbildung in Beiffcl, Gcfch. d. Verehrung Mariens in» Mittelaller, Freibnrg, Herder, 1606,
S. 286. Bciffel gibt das Bild im Anfchlusi an die in unsere Studie ebenfalls aufgenommene Darstel-
lung des betr. Paffns aus dem „Fließenden Licht der Gottheit" der Sch»»>ester Mechtild von Magdeburg.

Ei» »vcitcres Bild vom Ratschluß Gottes stammt von K o » r a d Witz ca. 1440. Cs ist abgebildet
in der „Zeitschrift für bildende Kunst", 58. Jg. (1924/25), Heft 9/10. Doch scheint dieses Gemälde,
das sich jetzt im Kaifer-Friedrich-Mufeuin in Berlin befindet, unfern Meister Grünetvald weniger
beeinflußt zu haben. Auf dem Wihfchen Bild ist Jesus vor feine»», Vater in et»vaS gebeugter Haltung
stehend abgcbildet mit gefalteten Händen, »vie ivcii» er sich eben von seineni Thron erhöbe» hätte.

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