Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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gentes redemptae plaudite. Das Seelengärtlein von >516 enthält die Stelle: Ltans
»iiMllia nobili onere Maria matrem se laetam cognoscit, cjuae se nescit uxo-
rem. Es ist nicht recht verständlich, warum manche Erklärer an der Darstellung einer
Maria gravida Anstoß nehmen. Das Mittelalter war hierin sehr unbefangen. Vor uns
liegt die Abbildung einer „Mariä Heimsuchung", auf der den beiden Frauen je daS Kind,
Jesus sitzend, Johannes kniend, in einem Strahlennimbus auf den Schoß gezeichnet ift°°).
Im Breviarium Grimani findet sich eine hl. Anna auf dem Thron, unterhalb deren Brust
in einer Aurole Maria als kleines Kindchen sitzt'".) Es ist wahr, diese Zeichnungen muten
unö sonderbar an; aber das mystisch angeregte Mittelalter nahm daran keinen Anstoß.
Grünewald aber hat in unserem Bilde den Zauber besonderer Feinheit und Zartheit der
Auffassung ausgegoffcn.

c) In nächste Beziehung zu dem Bilde der knieenden Jungfrau-Mutter ist der
gläserne H e n k c l k r n g zu setzen, der auf der Treppe vor Maria steht. Den feinen
venetianischen Krug als Meßweinkanne os) zu deute», liegt kein zwingender Grund vor.
Er ist einfach eine Erklärung zu dem Gedanken der Mutterschaft Mariä. Die Sonne
durchscheint das Gefäß - siehe den Sonnenkringel auf der Treppe an der Maria zuge-
wandten Seite des Kruges - ohne es zu verletzen, und steigert seinen Glast. Ebenso durch-
dringt die Sonne der Gottheit das Gefäß des jungfräulichen Leibes Mariä, ohne denselben
zu verletzen, vielmehr um seine Schönheit und seine Reinheit hervorzuheben. Im alten
Passional heißt es:

„Wie kumt die sunne d u r ch e i n g l a S

unde ein wort durch die want,

alfuS wart ouch dir gcsant

mit deine engele, vrowe, aldort

godeS sun, sin heilich wort,

alsns wart er von dir geborn;

dit waz gesprochen da bevor»

an offenlichen Worten

von der schönen Porten,

die etzechiel besach

unde nach godeS willen sprach:

die Porte sal beslozzen stau,

wände da sol uz unde in gau

der eren künig alleine;

dit bistu vrowe reine,

die vor manniger jarc vrist

behalten zu den eren bist"

Bruder Philipp singt: „Daz kam, sam der s u n n e n s ch i n
uz dem glas, von irme libe" '").

Eberhart von Sax O.Z.!)., wohl im 13. Jahrhundert, singt in seinem „Geistlichen
Minnelied" an Maria:

Du bist der nature wunder,
himel, erd lobt dich bisunder,

Ans dem Skizzenbuch aus dem Atelier des Michael Wohlgemnth, Papiermannskript des 15. Ih.,
mit 108 kolorierten Zeichnungen. Ans Ludwig Rosenthals Katalog IOO.

67) Le Breviaire Grimani S. 62.

os) Bcilz, S. 22. Günther, S. SO. Es ist viel zuviel, was Günther hier aus dein Gesäß heraus-
liest: die Meßweinkanne, de» Krug, mit dem die Kirche das Blut Christi ans seiner Seitenwunde ans
fängt, die Sakramente als Brantgabe an die Kirche, besonders das Sakrament des hl. Blutes. Dieser
Krug mit dem Symbol des Blutes Christi (dem weißen Meßwein) kennzeichne Maria als „Kirche".
Man könnte ja auch noch die Krüge der Hochzeit von Kana zur Exegese heranziehen, samt den anderen
Krügen, die noch in der Heiligen Schrift Vorkommen, und dazu »och den Krug der gute» Werke der
hl. Elisabeth, und das alles leicht in irgend eine Beziehung zur „Kirche" bringe». Satis!

(l11) Das alte Passional — Aueg. von Hahn, Frankfurt a. M., 1845, s. Kogler a. a. O. S. 526.

7“) Bruder Philipp des Karthänsers Marienleben, in Kürschner, Deutsche Nationalliteratur, Bd. I I,
s. Kogler a. a. 0. S. 326.
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