Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 77
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Doch ja, auch der Teufel hat seine» Platz auf dem Erwartungsbild. In de» bläulichen
Lichtkreis links unten soll eine Gestalt hereinragen, die Beitz") daznbringt, sie „als den
Teufel selbst anzusprechen", und zwar sei cs ocr dumme Teufel, der beim Erlebnis von
Christi Geburt fühle, daß er betrogen wurde. Die Seele der heiligen Maria ist ihm un-
wiederbringlich verloren, und er bleibt, von Gott und den Menschen überlistet, mit leeren
Händen zurück". Es ist aber Beitz selbst nicht ganz wohl bei diesem Deutungsversuch.
„Vielleicht lesen wir an dieser Stelle auch zuviel in das Bild hinein", sagt er, und hat mit
diesem Satz ganz recht.

Sonst bringt Bcitz^) eine ganz neue Erklärung des „Engelskonzerts". Er wendet sich
erfolgreich gegen die „Vogel-Engel"-Erklärung von Bernhart und ist auch mit dessen ethno-
graphischer Erklärung der vier Engel nicht einverstanden. Der gefiederte Engel ist ihm die
Tugend der „Hoffnung". „Ist der eine die Hoffnung, so werden die beiden anderen Glaube
und Liebe darstellen." „Ich denke bei den vier Engeln in erster Linie an die vier Kardinal-
tugcndcn ..., die im Gefolge der Mutter Gottes auftreten. Sie runden das Bild im Zu-
sammenhang mit den vorhin gekennzeichneten drei göttlichen Tugenden sehr gut ab." „WaS
sonst noch an kleinen geflügelten Köpfen und Wesen hinter und um die Tugenden herum
auftaucht, sind entweder die geringeren (sie!) Tugenden (Marias) oder Seelen des Alten
Bundes, die der Befreiung durch Christus harren." Trotzdem daß Beitz auf die Dar-
stellungen der Tugenden in der Kunst hinweist und zwei diesbezügliche Bilder beigibt, kann
seine ikonographische Erklärung so wenig befriedigen als seine dogmatisch-moralische Aus-
legung. Stellenweise ist dieser Teil seiner Schrift überhaupt keine Erklärung mehr. Ikono-
graphisch müssen doch bei Darstellung von Tugenden diese entweder durch irgendwelche
Embleme oder beigegebene Schrift irgendwie kenntlich gemacht sein. Das hätte auch ein
Grünewald tun müssen, wenn er eine solche Darstellung intendiert hätte. Sollte der Engel
im Fedcrnklcide nicht leichter und besser sich auf Grund der Schriftsteller erklären lassen,
in denen einer Art von Engeln, den Cherubim und Seraphim, eine vier- oder sechöflügelige
Bedeckung zugeschrieben wird? Man vergleiche etwa IsaiaS 6. Kap. und Ezechiel 1, 8 und
IO, 8. Die in der Heiligen Schrift niedcrgelegten Andeutungen schaffen doch sicher eine
festere Grundlage für die Ikonographie Grünewalds, als die etwas weit hergeholten Er-
klärungen der beiden genannten Schriftsteller.

lSildhauer istlaximilisn schneikierhghn

(1844- 1923).

Ein Gedenkblatt als Beitrag zur Geschichte der schwäbischen Ausländsdeutsche»
von Studienrat Dr. Stephan Lösch, Horb am Neckar.

I.

Aus dem Leben des Künstlers.

Am 24. November 1923 starb im Alter von 79^ Jahren nach kurzer Krankheit
M a r i m i l i a u S ch n c i d e r h a h n, Bildhauer in St. Louis (Amerika). Die einzig-
artige Ehre, die er im Leben, wie selten einer, seiner alten deutschen Heimat auch in fernem
Lande bereitete, die edle Treue und Anhänglichkeit, die er gegenüber seiner früheren Schule
bewahrte, die hohe Bedeutung, die er als Künstler errungen, und die ausnehmende Anerken-
nung, die er in seinem Wirkungskreis über dem Meere und zumal bei seinem Begräbnis
gefunden, sind uns innerer Beweggrund und äußere Veranlassung, dem Geschiedenen ein
Gcdenkblatt übers Meer an sein Grab zu senden und ein Bild zu zeichnen, was ein stiller
Sohn des stillen Schwabenlandcö einst gewesen, später geworden und in der Ferne gc-
bliebcnH.

sl) Beitz S. 43.

8fi) Beitz S. 34, 35 ff.

*) (Sitte Lebensskizze Schneiderhahns ist vom Verfasser veröffentlicht tu „Schwarzwälder Volkeblatt
Horbcr Chronik)" Nr. 10, 11, 12 vom 12., 14., 15. Januar 1924. Sie ist hier ausgenommen als näher
unterrichtende Einführung tu eine erst später mögliche Beurteilung seines künstlerischen Schaffens und beson-
ders zum Verständnis des II. Teiles.

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