Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 78
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Maximilian Schneiderhahn wurde am >8. Mai 1844 i» Rexingen bei Horb geboren,
besuchte zuerst die Volksschule seines Heimatdorfes, dann die Lateinschule in Horb. Zeit-
lebens bat er der Lateinschule Horb eine treue und dankbare Erinnerung bewahrt. Im Jahre
1897 hat er mit seiner Frau nochmals der alten Heimat und der früheren Schule einen
Besuch abgestattet. In einem Biese schreibt er: „Mit Freude und Dankbarkeit denke ich
an die so überraschend schön und poetisch gelegene L a t c i n s ch u l e i n H o r b zurück, wo
ich von meinem IO. Lebensjahre an saß, nahe dem später so berühmt gewordenen Dr. Paul
von Schanz-, der allerdings zu jener Zeit ein Gegenstück von mir war, er fast ein
junger Mann, ich beinahe noch ein Kind". Schon während seiner Zugehörigkeit zur Latein-
schule Horb nahm er eine besondere Vorliebe und regen Sinn für die Kunst des religiösen
Bildes auf. Nach Einführung in die altsprachlichen Anfangsgründe kain der junge Max zu
seinem geistlichen Bruder, Dr. Vinzenz S ch n e i d e r h a h » '), der früher ebenfalls
durch Horbs höhere Schule gegangen war und damals als Professor am Gymnasium zu
Ravensburg wirkte. Unter der Führung dieses hervorragenden Kenners der alten Sprachen
und Geschichte, in dessen Hause Max wohnte, machte er rasche und glänzende Fortschritte,
um schon tiefer in das Verständnis der alten und mittelalterlichen Kunst einzudringen. Im
Jahre 1859 wurde Prof. Dr. Vinzenz Schneiderhahn an das Gymnasium Rottwcil beför-
dert. Cs wurde auch das Jahr der Entscheidung für den jüngeren Bruder: er wollte die
Künstlerlaufbahn wählen und trat bei dem Altarbildhauer Meinteli n H o r b
in die Lehre ein. Am liebsten wäre er sogleich nach München gegangen, um sich von einem
bedeutenden Meister in die Geheimnisse der Bildhauerkunst einweihen zu lassen; er mußte
aber von dem Plane abstchcn, weil er noch zu jung war und weil man befürchtete, der in
Italien auSgebrochcne Krieg könnte auch für Deutschland gefährlich werden.

Im Jahre 1865 wurde der Wunsch des neunzehnjährigen Kunstjüngers erfüllt: er
durfte »ach M ü n ch e n ziehen und wurde ein Schüler des genialen Professors Joseph
K n a b l aus Fließ in Tirol, der durch verschiedene Kunstwerke — die Krönung Mariens
im Liebfrauendom zu München, die prächtigen Gruppen und Figuren im Augsburger Dom,
die Taufe Christi in der Stadtpfarrkirchc zu Bad Mergentheim haben noch jeden Beschauer-
in Bann gehalten — weit über Deutschland hinaus bekannt geworden ist. Nach einigen
Jahren des regsten Fleißes und hingebendster Selbstweiterbildung von 5 Uhr morgens bis
7 Uhr abends, die teils dem Studium der Kunst, teils praktischen Arbeiten gewidmet war,
führte Max Schneiderhahn inr Aufträge und nach den Entwürfen von Professor Knabl
mehrere hervorragende Werke der Bildhauerkunst aus, die um so beachtenswerter sind,
wenn man die Jugend des Künstlers in Betracht zieht. Zu diesen seinen Erstlingswerken
gehören eine überlebensgroße Statue der Himmelskönigin in sitzender Haltung für den
Hochaltar der Kathedrale in L y o n und eine Gruppe, den Tod des hl. Joseph darstellend,
für die Kirche der Redemptoristen zu A m st e r d a m. Später besuchte Mar Schncidcr-
hahu, hauptsächlich zum Zweck des Studiums des selbständigen KomponierenS, die Aka-
demie der bildenden Künste in München, wo der fachkundige Prof. Joseph Knabl wiederum
sein Lehrer war. Mit welchem Erfolge er die Akademie der bildenden Künste besuchte, davon
geben die Arbeiten Zeugnis, die er im Münchener Kunstverein unter den Arkaden, im reli-
giösen Künftlervercin und zuletzt während der großen internationalen Kunstausftel-
l u n g i >n G l a ö p a l a st (1869) ausgestellt hatte. Im Glaspalast war Mar Schneider-

2) Paul Schanz, geb. i» Horb 4. März 1841, der Lateinschule Horb angchörig 1853/57, am Gymnasiu«
Rottwcil (1857/61) noch Schüler SchneidcrhahnS des Altere» (vgl. Anm. 2), ordiniert 1866, später Pro-
fessor am Gymnasium Rottwcil 1870/76, Prof, der »eutcstamentlichcn Exegese an der Universität Tübingen
1876/83, der Dogmatik und Apologetik ebenda 1883/1905, gcst. 1905.

°) Vinzenz Schneiderhahn, geb. in Rexingen 6. Jan. 1824, oxd. 1847, Prof, in Ravensburg 1854, in
Rottwcil 1859, Rektor am Gymnasium Rottwcil 1868, Rektor am Gymnasium Ehingen 1878, gcst. 1894.
Seine Gymnasialprogramme: Die Politik des C. I. Cäsar in seinem ersten Konsulate, Rottweil 1859; Die
Entwicklung der attischen Demokratie von Pcriklcs bis in die Zeit des Demosthenes, Abt. 1: Vom Sturze
KimonS bis zur Kapitulation Athens, ebenda 1866; Abt. 2: Von der Herrschaft der 30 Tyrannen bis zur
Katastrophe von Chäronea, ebenda, 1867, berühren die Hauptcpochen der Blüte griechischer und römischer
Kunst. Dasi auch hievon gewisse Anregungen auf den werdenden Künstler ausgegangc» fei» werden, darübcr
liegen mir zwar keine Äußerungen von ihm selbst vor, ist aber zufolge seiner häufigen Besuche bei dem älteren
Bruder sehr naheliegend.

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