Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 89
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Redigiert von Stadtpfarrcr Rudolf Wes er, Ulm-Söflingen. Eigentum des.Roltcnburger Diözesan-Kunstvcrcins c. B.
Erscheint monatlich. Kommissions-Verlag und Druck der Schwabcnvcrlag Aktiengesellschaft Stuttgart.

Bezugspreis jährlich Mk. 7.50.

Eine viel bessere Fährte verfolgt Franz Kögler^) im Anschluß an Friedrich Schnei-
der, der die Weihnachtsliturgie zur Erklärung bcizieht. Letzterer sagt, auf dem Erwar-
tungö- und Weihnachtsbild fei die Wirkung des Ratschlusses der Menschwerdung auf die
irdische und himmlische Welt zum Drehpunkt gewählt. Prophetie und Erfüllung, ewige
Herrlichkeit und zeitliche Erniedrigung, Fülle der göttlichen Macht und Ohnmacht der
Menschennatur bilden die Themen, welche die Weihnachtsliturgie in ihren Gegensätzen aus-
wirfl und in harmonischem Gefüge zu einem dichterisch-mystischen Kunstwerk ausgcstaltet.
So weit geht Kogler mit Schneider denselben Weg, folgt ihm aber mit Recht nicht zur
Erklärung der Frauengestalt als anima fidelis, als christliche Seele, die dem Chor der
Seligen in vorausgreifender Weise eingereiht sei. Dann aber gerät Kogler in die Irre,
wenn er, wie schon bemerkt, auf den Gedanken der doppelten Erlösung de r
Engel und M e n s ch c n zusteuert. Die Begründung dieser seiner Ansicht findet er
in einer Stelle des 1476 in Basel gedruckten „Spiegels der menschlichen Behältnisse". In
diesem Buche ist die Rede von „eimne zeychc», daz hie von nit alleine der mensche solte
erlöset werden, Mcre der engcl köre söllent ouch do von wider bracht werden". Kögler
schließt sofort, „das Wort „Wiederbringung" bedeutet also gleich Erlösung". Diese Schluß-
folgerung ist falsch. Im ersten Sätzchen ist die Rede vom „erlöset werden", im zweiten vom
„widerbracht werden". Erlösen bedeutet Befreien von Schuld und Strafe. Widerbringcn
heißt nicht etwa: die abgefallene», gestürzten Engel wieder zurückbringen, sondern die durch
den Sturz der bösen Engel leergewordenen Reihen der Engel wieder auffüllen durch die
erlösten Menschenseelen. Gar nichts anderes will mit den von Kögler angeführten Stellen
gesagt sein. Diese sind:

Aus dem Marienleben von Walter von Rheinau:

XXXX

J925

im Ikonographie Des Uenheimer Altars.

Von Stadtpfarrer Weser, Söflingen.

„Und wan du den werten sin
Woltist geloubig, frowe, sin,

Da von wart got von dir, magt,
Gebern, enpfangen und getragt
Und von dem fleische, daz von
Dim heiligen lip wart genom,
Nam er menschlich natur an sich
Und brachte wider lidenclich
Der engel und der Menschen val
In himel und erde über al."

°°) Kögler, a. a. O. S. ZI7.
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