Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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Noch deutlicher im Marienlebc» des Bruders Philipp, des Karthäuserö:

> „Wilkomen, Maria, magt schone,

Wilkomen, vrowe, der cngel kroue, .

Du soll unfern himel zieren,

Du soll unser schar meren ,

Unser kör, die waren lacre
Worden von Herrn Luzifere,

Vol die wider worden sink,

Daz schaffst du, vrowe, und diu kiut."

Am deutlichsten in dein Buch „Die Walfart oder bilgerschafft Mariä", 1489 in Basel
bei Psenhut gedruckt, wo es heißt:

„Dann durch dich werden die elemcnt erne wert, die hellischen schaden (d. i. Sünde
und Strafen der Menschen) geheilt, die Menschen behalten und die kör der Engel
e r s e tz e t (d. i. mit den erlösten Menschenseelcn).

Das aber hat Kogler ganz richtig gesehen, daß eö sich bei dem Engelskonzert um einen
Ausbruch der Freude der Engel über den Erlöse r u m ihrer selbst
N' i l l c n handelt.

Es lei damit erinnert, daß eine Anzahl von Theologe» schon im Mittelalter nach dein
Zeugnis des „Engels der Schule" der Ansicht war, daß die Prüfung der Engelwelt in
der Anerkennung des Heilsratschlusses Gottes, näherhin i» der Anerkennung des Geheim-
nisses der Menschwerdung Gottes bestand. S. Thomas berichtet: „Nach S. Bernhard
sündigte Luzifer aus Neid darüber, daß der Mensch durch die Menschwerdung erhöht wer-
den sollte, und weil er Christus seine Ehre rauben wollte"""). Mit dieser theologischen An-
sicht ist die Dezimierung der Engelchöre in nächste Beziehung zum Ratschluß der Erlösung
gebracht. Derselbe S. Bernhard sagt in seiner Rede von den zwölf Sternen"'):
„(Von der Fülle der Barmherzigkeit Mariä) empfangen alle: der Gefangene Erlösung,
der Kranke Heilung, der Traurige Trost, der Sünder Verzeihung, der Gerechte Gnade,
derEngelFrcud c". Den Grund zu dieser Freude der Engel drückt schon S. E p i -
p h a » i u s (1' 403) aus mit den Worten"'): „Mariä übertrifft alle außer Gott: sie ist
von Natur schöner als selbst die Cherubim und Seraphim und das
ganze englische Heer; zu ihrem Preis reicht weder himmlische noch irdische Sprache aus, ja
nicht einmal der Engel Zunge. . .. O heiligste Jungfrau, die du die Engelheere in Staunen
versetzest; es ist ein staunenswertes Wunder im Himmel: das Brautgemach der Jungfrau,
die den Sohn Gottes trägt, der Herr der Engelscharen ist ein Kind der Jungfrau gewor-
den. Die Engel klagten einst Eva an, nun aber erfüllen sie Maria mit Ehre,
welche die gefallene Eva aufrichtete und denau ödem Pa radiesvertriebenen
Adam in de n H i m m e l s a n d t e". S. S o p h r o n i u s"") setzt Maria als ein
Wunderzeichen ü beralleEngel ch ö r e : „Du bast die Reihen der Engel übcrtroffen;
du hast den Glanz der Erzengel verdunkelt, du bast die erhabenen Sitze der Thronen weit
unter dir gelassen, du hast die Hoheit der Herrschaften niedergedrückt, du bist dem Zug der
Fürstentümer vorangelaufen, du hast geschwächt die Tapferkeit der Mächte; du bist als
stärkere Kraft den Kräften vorangegangen, du hast das Gesicht der vieläugigen Cherubim
mit irdischen Augen besiegt, du hast den Geistesflug der sechsflügligen Seraphim mit von
Gottes Hauch bewegten Flügeln überflügelt". Hören wir noch den bl. Augustin» ö04),
der sagt, „die Engel seien die Helfer der Menschen einmal Gottes wegen, dessen Barmherzig-
keit sie nachahmen, dann unsertwegen, in denen sie ihr eigenes Ebenbild bewundern, endlich
ihretwegen, weil sie von uns die Auffüllung ihrer Reihen mit größter Sehnsucht erhoffen".
S. Greg o r der Große (4 604) erklärt in seiner 32. Homilie über daL Gleichnis von

S. Thomas Aq., 8. Tlieol. I. 63, 3. iuxta Bernardum pcccavit (Lucifer) invidens quod liomo per in-
carnalionem elevaretur, volenscpie Christi, honorem rapere. Besonders ausführlich hierüber Geiler v. Kaiscrs-
berg, eie arhore humana f. 32 (Straßburg 1514).

N S. Bernhard, sermo de 12 steliis in Oif. BMV. Aux. Christian; 24. Mai.

S. Epiphanias, eie landibns Mariae Deiparae in Off. Conc. Immac. 8. Dez.

S. Sophronius, homilia in Deiparae anmmtiatione in Off. Conc. Imm. u Die 9. Dez.

34) S. Augustinus, de diligendo Deo c. 3.

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