Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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(ersten) Eltern, Beleberin der Nachkommenden""H, oder wenn er sie nennt ministra
propitiationis, (quae) jjjgessii redemptionem105). Der begeisterte Lobredner Mariens,
S. TharasiuS, bricht in die Worte aus: „Sei gegrüßt, Königin, Vermittlerin dcö Frie-
dens, Mittlerin aller, die unter dem Himmel sind, sei gcgriißt du Wiederbringung (repa-
rntio) des ganzen Erdkreises"""). In seinem prächtigen Gedicht über den Namen Mariä
sagt Rcinmar von Zweier, indem er den Buchstaben R des Namens als reparatrix deutet:
„Daz sprichst Reparatrir, sist ein widerbringaerin
vil maniger armen fsic, bin anders waere verloren iemer me.

Ir widerbringen was so starc,

daz sich diu klarin gotheit in ir kiuschcm libe bare,

da mit si tins widerbrsihte in Menschen bilde uz jämer berndem we,

Swer ir des widerbringcns nu gedenket

und ir mit Heizen trehenen wider schenket

uz riuwigem Herzen, daz sint sinne

Si widerbringet liute vil

swer in, und ir getruwen wil,

er mehtic künic, si mehtic kuniginne""").

So ist dieses einzigartige herrliche Bild vollständig eingestellt auf den Erlösergedanke»,
auf die E r l ö s c r c r w a r t u n g : Die Propheten in der Erleuchtung vorausschauend
den Erwarteten, Maria in ihrem süßesten Gottesgeheimnis erwartend den Gottessohn und
ihr eigenes Kind, die Engelchöre entgcgenschanend, cntgcgcngrüßend, cntgcgensingend dem
kommenden Wiederhersteller ihrer Reihen. Es ist die Schwelle v o m Alten z u m
N euen Testamc n t, auf die sich alle Erwartung konzentriert — der Vorhang ist
schon zurückgeschlagen, die stille, lichte Freude der Adventserwartung geht über in die
jubelnde Freude des: liodie Christus natus est, des Weihnachtsfestes.

Nun möchten wir ernstlich Vorschlägen, dieses zweite Erlöserbild einfach Erwartungöbild
zu nennen, freilich nicht bloß „Mariä Erwartung", sondern „E r w a r t u n g des Er-
löser s" bedeutend.

4. Das Weihnachtsbild oder die Erscheinung des Erlösers auf der Welt.

In der Nebeneinanderstcllung dieses Bildes und des Erwartungsbildes auf einer und
derselben Mittcltafel hat Grünewald etwas Kühnes und fast Gewalttätiges geleistet. Das
gedankliche und malerische Raffinement in dieser Iurtaposition hat ihm aber de» Erfolg
verliehen. Dem Erwartungsbild mit seiner architektonischen Gebundenheit folgt das Er-
scheinungsbild des Erlösers im Frcilicht der Landschaft. Mit scheinbarem Eigensinn führt
er den Steinplattenboden, auf dem der Tempelban steht, hinüber in die freie Landschaft
(Verbindung der Grundlagen des Alten und Neuen Testamentes) und scheut nicht davor
zurück, die intimen Requisiten der Kinderstube in dieselbe Öffentlichkeit zu zerren. Es ist
auch nicht ein herkömmliches „WcihnachtSbild", das Grünewald bietet. An Weihnachten
erinnern nur einige Figürchen des Mittelgrundes, zwei Engel und zwei Hirten, die fast nicht
hervortreten. Der Stall von Bethlehem, der hl. Joseph, die Krippe, die beiden Krippcn-
tierc, Ochs und Esel, alles fehlt. Man muß zweifeln, ob wirklich ein „Weihnachtsbild" vor-
handen ist.

Die Erklärer haben cs sich bei diesem Bilde sämtlich etwas zu leicht gemacht. Fast alle
sprechen von einem hortus conclusus, obwohl von einem „geschloffenen" Garten keine
Rede sein kann, da doch mindestens drei Seiten des Raumes ohne jede Abgrenzung sind. Es
ist aber überhaupt kein „Garten" da. Der breite Steinplattenboden ist kein Gartengrund
und der Feigenbaum einerseits und der Rosenstock anderseits dürften doch noch keinen „Gar-
ten" ausmachen. Man redet von einer „verschlossenen Pforte". Was aber als solche an-
gesprochen wird, ist bei genauem Zusehen eine „offene Pforte". Es ist von einem „bärtigen
Engel" die Rede, der dann die verschiedensten Auslegungen über sich ergehen lassen muß,

10i) S. Bernhart, hom 2 super Missus in Off. vot. Conc. Immac.

10ß) S. Bernhart, senno de 12 stellis, in Off. BMV. Aux. Christ. 24. Mai.

lor>) S. Tharasius, de praesentatione Deiparae, in Off. Conc. Iinmac. 12. Dez.

107) Kur;, Literaturgesch. I S. 118.

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