Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 95
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wird""). Allcin es ist kaum glaublich, daß diese Deutung für das Bild zutrifft. Einmal ist
nur der Feigenbaum vorhanden und nicht der Weinstock. Sodann ist der Feigenbaum merk-
würdigerweise auf unserem Bilde au der Stelle, wo bei geschlossenen Flügeln das Kreuz
auf dem Kreuzigungsbild sich befindet. Das ist sicher nicht zufällig und ohne Bedeutung. Der
Feigenbaum ist vielmehr zu fassen als ein SinnbilddesKreuzesChrifti.

Die christliche Literatur berichtet häufig, daß der Baum der Erkenntnis des Guten und
Bösen im Paradiesesgarten ein Feigenbaum gewesen sei. Die verbotene Feucht, welche die
Stammeltern genossen halten, war eine Feige. Adam und Eva bedeckten sich mit Feigen-
blättern, die sie eben von jenem Baum genommen hatten. Die kirchlichen Schriftsteller er-
innern sich einer jüdischen Erzählung, wonach Seth auf Befehl eines Engels von dem ver-
botenen Baume Samen nahm und denselben in den Mund des begrabenen Adam legte. Aus
diesem Samen erwuchs der Baum, aus dem das Kreuz Christi bereitet wurde. Diese Sage
haben Theodoret, Prokopius, Bar Cepha (Kommentar über das Paradies), Isidor von Pe-
lusium, GennadiuS I. u. a?"). Dieselbe wurde in der Kunst verwertet, wie uns z. B. ein
Sarkophag im Lateran beweist""). In einer Darstellung ist der Baum klar als Feigenbaum
erkennbar, nach dessen einziger Frucht Eva die Hand ausstrcckt""). o^j diesen Anschauungen
und bei diesen Darstellungen bot sich für den hochentwickelten typologischcn Sinn des Mit-
telalters eine wörtliche Uebereinstimmung in der Art der beiden Bäume, der Erkenntnis und
des Kreuzes dar, wie er sich ausspricht in der Präfation vom hl. Kreuz, wo es heißt: „daß
der, welcher am Holze (am Baum) siegte, am Holze (Baum) auch besiegt werde""P. Dieser
Tradition hat sich auch Grünewald angeschlossen. So ist dieser Feigenbaum, der sein Zweig-
werk halb hinter dem Vorhang verbirgt, der alttestamentliche Hinweis auf das Kreuz. Der
Feigenbaum wirft seinen Schatten hinein in die neue Zeit des Erlösers; siehe den Schatten,
der von dem Baum auf den Winkel der Mauer hinfällt"^).

cl) Seine Beziehung zum Kreuz wird vollends außer Zweifel gesetzt durch das Portal
der M a u e r, die den Vordergrund vom Mittelgrund abschließt. Dieses Portal ist nicht
geschloffen oder verriegelt. Es sind überhaupt keine Torflügel oder Türen sichtbar. Auf den
farbigen Reproduktionen des Bildes kommt das ganz deutlich zum Ausdruck. Der offene
Bogen bietet den Ausblick auf das Grün einer etwas hügelansteigenden Landschaft, auf deren
höchster Erhebung weiter rechts die beiden Hirten stehen. Aber mitten im Torbogen oder
etwas vor oder hinter demselben zeigen sich zwei rohe gekreuzte Stäbe, von denen der Lang-
stab im Boden selbst ruht. Langstab und Querftab ziehen sich nicht ganz in die Torbogcnmauer
hin. Zu diesem Krcuzstab hin führt ein örtlich gezeichneter s ch m a l e r W e g, der, von der
rechten Mantclfalte der Mutter Gottes ausgehend, sich durch daö Tor hindurch erstreckt. Auf
diesen Weg hat noch keine Erklärung hingcwiesen. Wäre daö Mauerportal als porta
clausa, als verschlossene Pforte, gedacht, so hätte die Anbringung des Weges auf dem
Bilde keinen Sinn.

Das Kreuz i m Torbogen ist das Sinnbild des durch den Erlöser gebrachten
Heiles, nach der einen Seite hin für die Engelwelt im Sinne der Wiederbringung, des Er-
satzes des zehnten Chores, nach der anderen Seite hin für die Menschcnwclt. Diesen Ge-
danken drückt der Prediger von Straßburg ausgezeichnet aus mit den Worten: „In der
Mitte ist das Kreuz errichtet als ein gemeinsames Beispiel und als Spiegel (exemplum
et speculum), nämlich für die Mensche» und die Engel. Dieses (Kreuz) ist der Weg, auf
dem Christus in die Himmelshöhe gelangte, und dieses Beispiel hat er allen gegeben, die den
Aufstieg zum Himmel ersehnen. Er selbst stieg auf dem WegdesKrcuzes (via crucis)

lu) Z. B. 1 Marc. 14, 12. Lssec 2, 12. Michacas 4, 4. Zacharias 3, 10.

114) Siehe Cornelius a Lapide, Comment in Genesim c. 2 u. Comment in Cant. Contic. c. 2, 13.

115) Montault, Traite d’Iconographie Chr6tienne I, 136: Figuier: arbre de la tentation d’Adam el d’Eve,
qui se couvrent de ses feuilles.

116) Kraus, Realenzyklopädie der chriftl. Altertümer 1, 17.

117) Praefatio de Cruce: ut qui in ligno vincebat, in ligno quoque vinceretur.

118) Die Verbindung des Kreuzesbaumes mit dem Paradiesesbaum drückt sehr schön ans das Respons. 3
vom Feste Krenzerhöhnnq (14. Sept.) im Römischen Brevier: baee est arbor dignissima, in paradisi
medio situata, in qua salutis auctor propria morte mortem omnium superavit. Doch wird man hier wobl
mebr an den Baum des Gebens im Paradies zu denken haben.
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