Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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Stadt. Museums zu Ulm u. a. m.14'). Es ist sicher, daß Grünewald diese Art Bilder
gekannt bat. Trotzdem ist er hier einer solchen Szene aus dem Weg gegangen und stell!
nur den Auferstandenen mit den bestürzten Wächtern dar, und im Dunkel der linken
Bildecke nahen sich die Frauen, die zum Grabe gehen Takle mane una sabbatorum.
Man muß sich nun aber doch fragen: wie paßt dieses Auferstehungsbild herein in diesen
vierteiligen Zyklus? Die meisten Erklärer haben sich mit diesem Bilde gar nicht mehr
abgegeben. Obwohl dasselbe doch den Höhepunkt der bisherigen drei Bilder der Reihe
darbietet! D e r E r l ö s e r, n a ch d e m R a t s ch l u ß G o t t e s (T y m p a u o n b i l d)
d e r W e l t v e r k ü n d e t (V erkundig u n g s b i l d), v o u E n g e l n u n d M e n-
s ch e » c r w artet (E r w a r t u » g s b i l d), in seiner Erniedrigung i n
die Welt e i n g e t r e t e n in Kindes- und Knechtsgestalt, hat in
sein c r A uferstehung die m e » s ch l i ch e N a t u r w i c d e r h e r g e st e l l t,
die >> a i u r a 1 a p s a i st z u r n a i u r a r e p a r akageworde n. Die gefallene
Menschheit ist in der Verklärung des Auferstandenen selbst der Verklärung gewonnen;
die Auferstehung Jesu ist die Bürgschaft für die Auferstehung der dem Tod geweihten
Menschheit. Der Tag der Auferstehung ist „der Tag, an den, uns Jesus erlöst hat""").
Die hl. Mechthild von Helfta betet in ihrem Lobgebet zu de» fünf Freuden Jesu in seiner
glorreichen Auferstehung: „Ich lobe, bete au, preise, verherrliche und benedeie dich, o gütiger
Jesu, i» jener unaussprechlichen Freude, die du empfandest, als deine allerseligste Mensch-
beit bei der Auferstehung von dem Vater der göttlichen Herrlichkeit die Verklärung emp-
fing und in ihrer Gottheit allen AuSerwählteu die ewige Verklärung mitteilte. Durch
jene unaussprechliche Freude bitte ich dich, o liebevollster Mittler zwischen Gott und
der Menschheit, daß du dieselbe Klarheit, so du mir damals gegeben, durch deine Gnade
unversehrt bewahren wollest, und ich sie am Tage des Gerichtes mit Freude empfangen
möge"144). Von den Vätern wollen wir nur Tharasius anführen, der Maria anredet:
„Dein Eingeborener Sohn wird sein der Erstgeborene des Lebens und der Auf-
erstehung"'1'). Und St. Gregor: „Indem Jesus Knechtsgestalt auuahm, bat er die Ge-
brechlichkeit des menschlichen Fleisches durch die Herrlichkeit seiner Auferstehung zur
(Ewigkeit) ewigen Beständigkeit umgewandelt"'4"). So ist also im Auferstehungsbild die
E r f ü l l u n g oder Vollendung gegeben von dem, was die vorhergehenden Bilder
enthalten: Ratschluß, Verkündigung, Erwartung, Erscheinung, Erfüllung, das sind die
einzelnen Lebensphasen, in denen uns der Erlöser cntgegentritt.

Das in einer wunderbaren Farbensymphouie erklingende Auferstehungsbild unseres
Meisters ist in der Entwicklungsreihe der Auferstehungsbilder das Höchste und Groß-
artigste, was das Mittelalter geschaffen hat, und ist bis heute nicht mehr erreicht, ge-
schweige übcrtroffcn worden. Es ist gerade der Augenblick geschildert, da der Heiland sich
aus dem Grab erhebt. Weggedrückt ist der Deckel vom Sarkophag, betäubt vor Schreck
liegen die vier Wächter aiu Boden. Hoch erhebt sich der Auferstandene und zieht die Tücher
der Umhüllung mit sich in kühnem Schwünge empor. Sie sind in eine ganze Skala von
Farben getaucht: weiß, grünlich, violett, rot-, goldschimmerud, je nachdem sie empor-
genommen sind in einen dreifachen hellen Lichtkreis, der sich, blau, rot und golden strahlend,
riesenhaft aus dem sternbesäten Dunkel der Nacht abhebt. Hinein in diesen Lichtkreis
taucht das Haupt und die Gestalt des Auferstandeuen, die in einer wchlabgewogeuen Geste
der beiden emporragenden Hände die Siegesmale der Wunden zeigt. Was hat wohl den
Künstler zu dieser außerordentlichen Darstellung inspiriert? Nichts anderes, als das groß-
artige p i' aeconi u m p ascliale des h l. Augustinus, das die Kirche am
Karsamstag zu den heiligen Weihen singt: „Nun frohlocke die Engclschar des Himmels!
Frohlocken sollen die Geheimnisse Gottes, und über den Sieg eines solchen Königs er-

Debet, Ikonographie, kennt diese Darstellnng nicht. Auch bei Kraus, Kcsch. d. chr. Kunst, habe ich
sie nicht angeführt gefunden.

113) Hortulus animae 1516 fol. 61 (in festo Resurrectionis): dies in qua nos redemit Jesus.

1,t) Müller, Leben und Offenb. d. hl. Mechthildis, Regenöburq 1880, S. 90.

ll5) Tharasius im Brevier'vom 12. Dez.: unigenitus filius tuns erit primogenitus vitae cl resurrectionis.

1,G) Corn. a. Lapide, Connnent. in Ezecli. S. 1187.

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