Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

Seite: 103
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im Gegensatz zu dem Rot des Mantels des Täufers stellt. Was tut Johannes der Täufer
auf diesem KrenzigungSbild? Zusammen mit dem der zweiten Bildhälfte angehörigeu
Körper Jesu wird mit seiner Figur und dem Lamm zu seinen Füsien das Gegengewicht
zwischen den beiden Hälften sehr wirksam hergestellt.

Während sich auf der eine» Seite die drei Gestalten in Schmerz und Trauer und
Klage auflösen, steht Johannes fest und ruhig mit den gespreizten Beinen auf dem Boden
und schaut fast unbewegt auf und heraus aus dem von üppigem Haupt- und Barthaar um-
gebenen Antlitz. Auf seinem linken Vorderarm ruht ein aufgeschlagenes Buch, fest von
seiner Hand gehalten. Sein rechter Arm ist im Ellenbogen in scharfem Winkel nach auf-
wärts gebogen, und der nicht gewöhnlich lange Zeigefinger der Rechten weist energisch
auf den Gekreuzigten hin. Man könnte versucht sein, diese Bewegung zu erklären mit dem
Kece agnus Dei, mit dem er am Jordan einst seine Jünger auf den vorübergehenden
Heiland aufmerksam machte. Allein, in dem Winkel, den die Biegung seines rechten Armes
macht, steht ei» anderes Schriftwort: „Illum oportet crescere, me autern jninui“,
d. h. „dieser muß wachsen, ich muß abnehmen" (Ioh. 3, 30). Dieses Wort sprach einst
der Täufer zu seinen Jüngern, die ihm sagten: „Der, dem du Zeugnis gegeben hast (Jesus),
sieh, dieser tauft und alle kommen zu ihm". Darauf antwortet ihnen Johannes: „Ich
habe auch gesagt, ich bin nicht Christus, sondern ich bin vor ihm hergesandt. Wer die Braut
hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, welcher d a -
st e h t und ihn hört, freut sich hoch über die Stimme des Bräutigams. Nun denn, diese
meine Freude ist erfüllt. Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. Wer von oben kommt,
ist über allen." Mit diesem großartigen Zeugnis für Christus, als dem Bräutigam, d c m
Blut b r ä n t i g a m d e r Menschheit, der Kirche, der Seelen, hat Grünewald
seinen Johannes Baptist unter das Kreuz Christi hingestellt.

Das Buch, das Johannes hält, bezeichnet ihn in seiner Tätigkeit als „Prediger der
Bußtaufe""'). Er ist der Vorläufer Jesu als propheta Altissimi, als Prophet des
Allerhöchsten""'), wie ihn sein Vater in, Benediktuö ankündet. Er ist „der Prophet und
mehr als ein Prophet""J, wie Jesus sagt. Ihn besingt die Kirche als „maxime vatum“,
den größten der Seher""). Chrysologus nennt ihn doctor dicto et facto, Lehrer in
Wort und Tat"'"). Er ist das „Zwischenglied zwischen dem Alten und Neuen Testament"
nach Gregor von Nazianz""). Theophylakt sagt von ihm: „er war gleichsam der lucifer
evangelii, der de», Schatten und der Nacht des alten Gesetzes das Ende und de»,
Hellen Tage des neuen Gesetzes den Anfang gab"""). Cyrillus sieht schon de» merkwürdigen
Zeigefinger: „Prophet zugleich und Apostel ist der Täufer geworden; den er als kommend
predigt, den zeigt er schon als anwesend". Und der Hymnus der Kirche singt: „Den,
der die Makel der Welt hinwegnimmt, gibst du mit deinemZeigefinger f„„b""°).

Der ausgestreckte Finger wird von einigen Erklärer,,"") nicht mit Unrecht
mit der Reliquie dieses Fingers »ach der Legende in Verbindung gebracht. Das Pas-
sional"') berichtet, Kaiser Julia» habe die Gebeine des Johannes ausgraben und ver-
brenne» lasse».

„Nun höret da

das Wunder, das dabei geschah!

Des Hcil'gen Finger, mit dem er

auf Jesum meiste und ihm zur Ehr'

"-) Luc. 3, 3.

153) Luc. 1. 76.

164) Matth. 11,9.

155) Hymnus: O nimis felix, 24. Juni.

15°) Petrus CbrysologuS sermo 167.

167) Gregor v. Nastanz or 39: tu inter vetiis et novum testanientum interiecte!

Theophylaktue bei Cor», a Lapidc, IN Matth, c. I I.

*60) Cyrillus bei Cor», a Lapidc i» Joann. c. I, 29.

10°) Günter S. 7

1G1) Paffioual S. 345" ff. Krachk, Goldene Legende, München, o. I. E. 31.

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