Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 40.1925

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Plastik. Verfasser weist hi» auf den Ausgangspunkt der ganze» Entwicklung, die sagen. Hodcgetria,
die „Wegweiserin" i» Konstantinopel, eine Statue, deren Nachahmungen durch Pilger u. a. eine weite
Verbreitung im Abendland gefunden hat, wie die Utrcchter Madonna vom Jahre 1000. Ihr folgt als

Ersatz für eine fehlende Madonna aus dieser Zeit eine hl. Anna zu Chartres um 1215 und dann

S. Maria im Kapitol Köln 1220, und die von romanischem Formgcfühl stark beherrschte Madonna
am Padcrborner Domportal. Nun aber erscheine» weltlichere Motive und an Stelle der einfachen
Fra» mit bedecktem Haupt die Königin mit der Krone, deren Körper sich reicher entfaltet, deren Mantel
statt der bisherigen senkrechten Fältelung ein Gegenspiel von Diagonalen anfwcist: Madonna von Reim«

1235, an der Kathedrale von Amiens 1270—1280, in der Marienkapelle des Domes zu Halberstadt
1270, an der Kathedrale zu Paris 1290. Dabei nimmt in diesen Statuen das natürliche Verhältnis
von Mutter und Kind immer mehr z». Besonders die Reimser Madonna übt einen großen Einflnsi
ans Deutschland ans, z. B. Meißen 1280, Erfurt 1770, Spandau 1300, Magdeburg 1300. Statt
der körperlichen, natürlichen Form herrscht setzt mehr eine vergeistigte Form und Zartheit, Schlankheit,
Zierlichkeit. Die? und das Schwebend-Gleitende der Figuren deuten die Wandlung des Schönheitsideals
in der Zeit der Mystik au. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kommt eine naturalistischere
Anfsassnng zur Geltung in der deutlicheren Hervorhebung der Körperform und in den dnrchschneidcudeu
Faltenzügen, z. B. Notre Dame zu Hal (Belgien) 1400, Zons (Privatbesitz) 1410— 1420. Cbarakte-
ristisch für diese Zeit ist auch da« Zepter oder die Lilie in der Hand Mariens und die Nacktheit des
Oberkörpers des Kindes. Völlig nackt erscheint da« Kind im 14. Jahrhundert und seine freie Bewegung

wächst. Da« oft liegende Kind durchschneidct die Gcwandmotive. Die Madonna braucht beide Hände,

es zu halten. Das Zepter und die Lilie falle» weg. Anfangs erscheint Maria mit der Krone, um
später wieder nur das Kopftuch zu tragen. Während in Deutschland das Standbild der Madonna
bevorzugt wird, das durch die gotische Architektur bedingt ist, herrscht in Italien unter dem Einfluß
des Geistes der Renaiffance mehr di- Form der sitzenden Madonna, z. B. die Stcrzinger Madonna
MnltscherS 1455, die Heggbacher Maria 1470. Die malerische Komposition mit ihren üppigen Falten-
motiven wird in, 16. Jahrhundert abgclöst durch Rückkehr zur klareren plastischen Körperstellung, so
daß der Kreislauf der Darstellung wieder einmündet in das Ideal der griechischen Gewandstatue. Man
muß es dem Vcrfasicr zu Dank wisse», daß er in dieser feinsinnigen Studie die Entwicklung so klar
ausgcdcckt hat. Der Verlag hat das Werk sehr vornehm anSgcstattct. Druck, Papier und vor allem
die Abbildungen sind erstklassig.

Söflingen. Weser.

Assisi. Ein Wegweiser zu seinen Weihestättcn. Von Rudolf G u b y. 1925. Dr.

B. Filser-Verlag, Augsburg. 174 S., 18 Kupfertiefdrucktafeln und 101 Ab-

bildungen im Text. Preis ?

Dieser eigenartige Führer mit seiner überreichen bildnerischen Zier ist eines der Werke, die in die
Reihe der „SanktuS-MartinuS-Büchcr" gehören. Das Buch will ein Begleiter der Waller nach
Assisi sein, nicht in, Sinne eines Reisehandbuchs, sondern in der Absicht, Führer zu Franziskus und
zu seinem Geiste zu sein. Außerdem aber ist dag Buch ein vornehmes Erinnernngszcichcn an Assisi
und an das 700jährige Jubiläum des Tode« des hl. Franz, das die katholische Welt am 4. Oktober 1926
feiern wird. Die Seiten 10—44 biete» ein mit großer Verehrung für den Heilige» geschriebenes
Lebensbild des hl. Franz. Daran schließt sich eine kurze Charakterisierung der Stadt Assisi, der Stadt

„mystischer Schönheit". „Assisi lebt in der Erinnerung an S. Franziskus, es lebt durch ihn". Der

Hauptteil der Schrift ist der Kirche von S. Francesco geweiht. Ehrfürchtig durchwandern wir mit
dem Vcrfasicr die Unterkirche, besuche» des Heiligen Grabstätte, die erst 1818 wieder anfgcfnnden
wnrdc, gehen mit ihm von Bild zu Bild, von Altar zu Altar, von Heiligtum zu Heiligtum, 'von
Kunstwerk zu Kunstwerk und lesen aus den Meisterwerke» Giottoe nocheinmal betrachtend das Lebe»
des Heiligen der „Armut". Dann steigen wir herauf in die Oberkirche und erfreue» uns an ihrem
reichen Freskcnschmuck und ihren sonstige» Kostbarkeiten. Ei» Rnndgang durch die Stadt und ihre
Kirchen und Bauten macht den Beschluß. Es ist den, Verfasier ausgezeichnet gelungen, die heilige
Stille und andächtige Weihe des Heiligtums dem Leser vor die Seele zu führen und einen duftigen
Kranz von fioretti, von Blüten aus dem Ehrenkranz des hl. Franz zu flechte». Der Verlag hat das
Werk sehr geschmackvoll in Einband, Druck, Papier und Illustration ausgcstqttet. Besonders haben »ns
die treffliche» Kupferdrnckc gefallen.

Söflingen. Weser.

Kloster Wiblingen. Von Adolf Feulncr. 1925. Benno Filser-Verlag, Augsburg,
58 S. mit 14 Tafeln und 8 Textbildern, 2 M. geh.

Der Verfasier gibt eine Serie heraus: „Deutsche Kunstführer", von der das vorliegende Heft
das erste ist. Es verbreitet sich zunächst über die Stellung des Kloster« und Kirchenbaucs zu den anderen
Bauten jener Zeit in Schwaben, und hebt seine künstlerische Eigenart eingehend heraus, gibt eine
Baugeschichte, die sich mit den Namen Christian Widcmann von Elchinge», Johann Michael Fischer
ans München, Januarius Zick und I. G. Specht kurz charakterisieren läßt, und bespricht zum Schluß
die innere Ausstattung und die Fresken von Zick. Zur Literaturangabc, betreffend den Bibliotheksaal,
der sehr kurz wcggekommen ist, ist jetzt noch zu bemerken: „Der Bibliotheksaal von Wiblingen", von
Stadtpfarrer Weser, Söflingen, im „Archiv für christliche Kunst", 40. Jahrgang, S. 35 — 46, wo
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