Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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Gesims selbst tritt in mehrfachen Absätzen zurück und läßt zwischen sich i»
einem Oval das Gnadenbild frei. Ein fünfter und sechster Engel in betender,
im Hinblick auf das Gnadenbild verzückter Haltung krönen das Gesims. Nach
oben ist dieses wieder zusammengehalten durch ein Rnndbogengesims und
überbaut durch einen Aufsatz mit dem Marienmonogramm im Innenfelde
unter einem Baldachin. — Der Altar ist eine so überaus reiche, einzigartige
Schöpfung, daß er stark an die übersprudelnde Phantasie der spanischen
Werke des Churriguera erinnert. Es ist ein seltenes Prachtstück des frühen
Barockstils um 17IO.

Die Seitenaltäre zeigen das übliche Schema des Aufbaues auf zwei
vorgestellten Säulen mit Bogengesimsen und Krönung. Sie gehören dem
entwickelten Rokoko um 1750 au, worauf auch die schon ganz reife Rokoko-
ornamentik hinweist.

Die Kantel mit pompösem Aufsatz und krönendem Posaunenengel ge-
hört derselben Zeit an. Leider haben die vier Putten, welche die Sinnbilder
der vier Evangelisten tragen, eine spätere Überarbeitung erfahren, so daß
sie ganz ihren ursprünglichen Eindruck verloren haben und wie magere, kranke
Kinder an einem lebensvollen, kraftstrotzenden Baukörper sich ausnehmen.

Die in den Jahren 1921—24 vorgenommenen I n st a n d f c tz u n g 6 -
arbeiten sind glücklicherweise pietätvoll, das Alte sorgsam erhaltend, durch-
geführt worden, so daß die Harmonie des Gesamtranmes und seiner Aus-
stattung keine wesentliche Einbuße erlitten hat. Allerdings erscheint dem
Kennerauge der Emporeneinbau als eine nicht restlos geglückte Zutat. Die
Stützen wollen nicht recht zufammenstimnten mit der Innenarchitektur, und
auch die Brüstung ist in der senkrechten Gliederung nicht einwandfrei. Die
Rahmenornamentik bat zwar eine flüssige Linienführung; die Detailausbil-
dung zeigt aber eine Mischung von Formenelementen des frühen Barockstils
mit solchen des frühen Rokoko (etwa vom Jahre 1730). Diese Mängel
fallen aber nickt weiter auf. Man gewinnt vielmehr auf den ersten Blick den
Eindruck, als fei die Empore um diese Zeit (1730) eingebaut worden. Im
Vergleich zu vielen andern Restaurationen von Kirchen in unserer Zeit
dürfen wir uns daher aufrichtig freuen, daß die Instandsetzung in gute Hände
gekommen ist.

Nachschrift. Der Verfasser vorstehenden Aufsatzes sah sich veranlaßt,
die Putten an der Kanzel zti bemängeln. In der Tat kann man in Deggingen
hören, daß einmal ein Kaplan auf Ave Maria an diesen Putten als zu beleibt
Anstoß nahm, und daß er sie deshalb entkörpern ließ. Und noch besser verbürgt
ist die Nachricht, daß ein andrer Kaplan die vier Karyatiden (Hermen) am
Hochaltar, die zum Großartigsten der Kirche gehören, choquant fand und
strengere Engelsfiguren an deren Stelle setzen wollte, deshalb auch au die
Küustlerschule in Beuron sich wandte, die aber ein solches Ansinnen selbst-
redend ablehnte. Ein ähnlicher Misistand in der Kirche von Ave Maria ist
dann dies, daß daselbst int Latife der letzten Jahrzehnte immer wieder Neue-
rungen vorgenommen wurden, ohne daß auf den Stil der Kirche und ans
den guten Geschmack überhaupt Rücksicht genommen wurde, so bei Aufstellung

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