Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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und Kupfern auf den Markt geworfen, die die jetzige Gebetbuchillustratiou
an Charakterlosigkeit und Nichtsnutzigkeit noch weit übertreffen. Das muß
doch auch einmal gesagt sein gegenüber dem Urteil über die Heiligenbilder der
letzten Zeiten. Erinnern wir uns nur au nuferer Großmutter „Goldenen
Himmelsschlüsscl" oder das Gertruden- und Mechthilden-Buch und viele an-
dere und deren schrecklichen Bilderschmuck!

Wenn man aber als Heiligenbildchen nur die losen E i n l e g c b l ä t t e r
anerkennen will, dann wird sehr vieles, was die Ausstellung brachte, nicht
unter diesen Begriff zu bringen sein.

Über die Zeit, von wann an man solche lose Einlagebildchen in Ge-
brauch hatte, läßt sich ein Berichterstatter (Stuttg. „Neues Tagblatt" 3!.8.
1925) also vernehmen: „Das eigentliche sog. Heiligenbildchen, das als Ein-
lage und Buchzeichen für Gebet- und Gesangbücher diente, konnte naturgemäß
nicht vor dem 17. Jahrhundert wesentliche Verbreitung haben". Das ist
wohl nicht richtig. Es ist sicher anznnehmen, daß sich in der Blütezeit des
Holzschnitts und des Kupferstichs unter den kleineren Blättern, welche von
den damaligen Künstlern, wie Dürer, Altdorfer, Cranach in sehr großer Zahl
hergestellt wurden, vor allem eine Maste von kleinen Andachtsbildern befand,
die in loser Form, d. i. ohne Verbindung mit dem Buch, auf den Markt ge-
worfen, durch alle Lande flatterten und überall willkommene Aufnahme fan-
den. Wenn man auf seiten Luthers damals die Märkte mit Schmähbildern
versah auf Kirche und Papsttum, wenn mau nach dem Zeugnis der Geschichte
damit auf breite Masten zu wirken suchte, so ist diese Methode sicher aus der
Gepflogenheit erwachsen, durch das religiöse Bild auf das Volk zu wirken.
Die Sitte, Bilder zu verkaufen und zu verschenken, haben wohl die Klöster
auch damals schon geübt. Genauere Untersuchungen der Bestände unserer
Kupferstichsammlungen dürften hierzu wohl den Beweis liefern. Doch ge-
ben wir zu, daß an diesen Einzelbildern nicht mehr viele ans uns gekommen
sind, aus natürlichen Gründen wegen der raschen Abnützung und der leichten
Möglichkeit des Verderbens und Verlierend, und aus dem historischen Grund,
weil die GlaubcnSerneucrung iu Deutschland dem Bild überhaupt vielfach
feindselig gegenüberstand. Für die schon im 15. Jahrhundert reiche volks-
tümliche deutsche Gebetbuchliteratur mußten Einlagebildchen als Buchzeichen
und Merkzeichen schon allerseits willkommen sein. (S. Jansten, Geschichte des
deutschen Volkes '. 9. S. 18-19.)

Einen Aufschwung brachte für den deutschen Süden das 17. Jahrh. mit
einer gesteigerten Tätigkeit der Kupferstecher von Augsburg u. a. O. auf unse-
rem Gebiete. Der Verfasser dieses Aufsatzes besitzt als ältestes datiertes
Heiligenbildcheu ein Marialnlfbild, nach Lukas Cranach gestochen:
Joan Sadeler fecit, cum Privil. C. M. 1644. DaS Bild ist nur 4'/*: 7
Zentimeter groß, in einer sehr dezenten Umrahmung, die mau fast einer viel
späteren Zeit zuschreiben möchte, wenn nicht die Datierung über dem unteren
Rahmenteil so deutlich sprechen würde. DaS Bild selbst ist sehr zart und fein
und überaus zur Andacht stimmend. Das Bildchen fand ich einst in einem ge-
schriebenen Folioband, dessen Schrift auö demselben Jahre stammt, zugleich

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