Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 19
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zifixus selber ist eine so erschütternde Verkörperung von Schmerz und Not,
daß er den Vergleich mit dem des Isenheimer Altars nicht zu scheuen braucht.

Das Ostbild zeigt in seiner unteren Hälfte einen sterbenden Krieger, von
einem Kameraden gehalten. Der flackernde Blick des Verwundeten kündet
das Erlöschen für diese Welt lind das Erwachen für diejenige, als deren Re-
präsentant der Erzengel Michael als ckux et siZniker mit seinen Scharen die
obere Hälfte des Bildes beherrscht, um diejenigen aufzunehmen, die „getreu
waren bis in den Tod". Zwei Gruppen links und rechts vom Sterbenden
drücken die Trauer, aber auch das Mitopfern und den hingebenden Zusammen-
schluß der Hinterbliebenen ans.

Das Südbild, eine Stiftung des Malers, der selber im Felde war, gilt
der Heimkehr: links von dem Mittelfenster zurückmarschierende Krieger, zwi-
schen den beiden Gliedern, am Boden kauernd, die Not mit der Geißel in der
Hand, rechts die entgegenziehenden Angehörigen, in dem schmalen Raun»
unter dem Fenster ein freudig springender Hund, der sich an dem Empfang
beteiligt und dabei der Erste sein will.

Hat Rettenmaier in der Bemalung Formen- und Farbensinn bekundet,
so hat er in den Temperabildery der Kriegergedächtniskapelle Gestaltungskraft
und GemütStiefe bewiesen. Er verleugnet die Schule nicht, der er seine letzte
Ausbildung verdankt. Es ist Ansdruckskunst, was er bietet. Aber von dem Be-
fremdlichen, das mit diesem Begriff gewöhnlich verbunden ist, hat er sich mit
Erfolg zu emanzipieren gesucht. Eine intensive Beschäftigung mit Giotto und
den andern Größen auf dem Gebiete der monumentalen Malerei kann ihn
noch weiter fördern. Seine Honoraransprüche waren bescheiden.

Soll über das ganze Bauunternehmen in Hüttlingen ein Werturteil ab-
gegeben werden, so kann es in der Hauptsache anerkennend lauten. Von einer
Kirche muß man Übersichtlichkeit, Geschlossenheit, gute Akustik und Einheit-
lichkeit des Gesamteindrucks verlangen, und das ist hier vorhanden. Man hat,
auch bei der Betrachtung des Äußern, nicht den Eindruck des Zusammen-
gezwängten, sondern des Organischen. Eine volkstümliche Probe auf die
Zweckmäßigkeit der Anlage ist der freie Blick auf den Altar. Sie ist erreicht.
Ein weiterer Vorzug ist das glückliche Zusammenstimmen zwischen alten und
neuen Formen. Erfreulicherweise wurde die alte Rokokoausstattung beibehal-
ten, das Neue aber so gestaltet, daß es sich mit dem Alten verträgt, ohne im
selben Stil geschaffen zu sein.

Das Hauptverdienst an dem Erfolg gebührt dem Architekten, Herrn
H. Herkommer- Stuttgart (gebürtig aus Gmünd). Den Lesern des
„Archivs" ist er bereits bekannt durch den Kirchenbau in Straßdorf. Später
folgte die Kirchenerweiterung in Wißgoldingen lind der große Kirchenbau in
Saarbrücken. Ein Vergleich mit Wißgoldingen zeigt manche Berührungs-
punkte, aber auch beachtenswerte Unterschiede, namentlich in der Clwrbeleucb-
tnng und der Gewölbekonstruktion.

Wie in Straßdorf, so bat Herkommer auch in Hüttlingen es verstanden,
die richtigen Hilfskräfte heranzuziehen. Es sei nur an die Gediegenheit der

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