Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 42
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Ganz reizend ist die dritte Kartusche dieser Seite. Da steht N o e m i mit
ihrem Wanderstab bei ihren Verwandten und klagt: „Nennt mich nicht
Noemi (die Schöne), sondern Mara (die Bittere)". Ruth I. Daneben erhebt
sich daö Kreuz, die Fläche teilend, und darunter Maria die Schmerz-
hafte. Auf der einen Seite bilden Ährenbündel, Sichel und Rechen, an
die Erntetätigkeit der Ruth mahnend, auf der anderen die Leidenswerkzeuge
die Umrahmung.

Es folgen nun unten noch drei Bilder. Zunächst rechts: Die Königin
v on Saba erscheint vor dem auf seinem Löwenthron sitzenden Salomo und
H i m m e l f a h r t Mariä, durch die Lanze eines Kriegsknechts des Salomo
abgegrenzt und eingeschlosien von den Emblemen irdischen Reichtums und
ewigen Glückes. Die Schrift staunt: „Die Königin zog in Jerusalem ein
mit großer Begleitung und vielen Reichtümern". 3. Reg. 10. Ganz links läßt
Salomo seiner Mutter Bethsabee einen Thron neben seinem Thron be-
reiten und wird Maria gekrönt von ihrem Sohne. Nur wenig sind die
beiden Szenen durch den Vorhang des salomonischen Thrones getrennt. Die
Schrift lautet: „Der König stand auf, um ihr entgegenzugehen und eS ward
ein Thron aufgestellt für die Mutter des Königs". 3. Reg. 2.

DaS letzte Bild unten in der Mitte illustriert die Erzählung der Hl.
Schrift (I. Reg. 23, 32), wo Abigail den erzürnten König David
bittet um Nachsicht für ihren Mann Nabal, und setzt derselben gegenüber —
durch einen Baum und eine Lanze geschieden — Maria als Fürbitte-
rin bei ihrem Sohne Jesus für die Anliegen der zu ihren Füßen knienden
Heiligen Dominikus und Franziskus. Trotz der Fülle der Ereignisse, die auf
diesem Stich zusammenkomponiert sind, trotz des zahlreichen schmückenden
emblematischen Beiwerks leidet weder die bewundernswerte Deutlichkeit der
Komposition, noch die Sorgfalt der Ausführung des geringsten Details.
Das Ganze ist ein wahres Meisterwerk des Grabstichels und war jedenfalls
keine geringe Geduldprobe für den Meister. Es ist mir nicht zweifelhaft, daß
Gö; das Werk geschaffen hat, obwohl durch nasses Abwischen des Papiers der
rechts unten befindlich gewesene Name des Künstlers verschwunden ist. Denn
die ganze Art und Weise der Anordnung deö Stoffes findet eine auffallende
Parallele in den beiden oben beschriebenen Marchtaler Bildern des bl. Bern-
hard und Tiberius, wie auch die ganze Arbeitsweise und Manier auf keinen
anderen als Göz schließen läßt.

11. Wohl dieselbe Größe wie daS soeben besprochene besaß ein weiteres
Blatt, das die Tag;eiten des Breviers in Verbindung setzt zu dem
Leiden Jesu. Leider ist ein großer Teil nach unten, vielleicht auch etwas nach
oben abgerissen worden. Die breit angelegte Hauptszene zeigt Jesus am
Ölberg mit den Engeln des Trostes. In wunderbar schöner Halbkreislinie
ist der Herr auf einem Felsstück zusammengesnnken, in höchster Schönheit der
Gesichtszüge, in feinster Zeichnung der Hände und der Kleidung, ein Gesamt-
bild von intensivster Eindringlichkeit! Die noch größtenteils erhaltenen Kar-
tuschenbilder, je drei links und rechts, schildern zur Prim die Verurteilung
Jesu, zur Terz die Dornenkrönung, zur Sext die Annagelung, zur Non den

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