Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 54
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einzelnen scharf ist ihm entgegengetreten F. T. Mone (Karlsruhe) in seinen
..Bemerkungen zu Herrn DetzelS Christlicher Ikonographie" in der 1912
eingegangenen Zeitschrift „Diözesanarchiv von Schwaben". Die eingehende
Kritik, vorwiegend zum ersten Band, zieht sich durch die Jahrgänge 1898
< lo.), 1899 (17.), 1900 (18.) der genannten Zeitschrift hin. Mone, der
am 8. April 1900 starb, hat seine „Bemerkungen" nicht mehr zum Abschluß
bringen können. Seine belehrenden Darlegungen aber gewähren einen großen
Reiz, und der Verfasser der Ikonographie hätte sicherlich Veranlassung ge-
nommen, in einer projektierten zweiten Auflage die Kritik Mones zu beachten
und zu verwerten, wenn nicht auch ihn der Tod schon 1906 betroffen hätte.

Unterdessen ist nun in den letzten dreißig Jahren die ikonographische Wis-
senschaft hervorragend behandelt und ausgebaut worden, so daß an die Stelle
einer Neuauflage von DetzelS Buch ein ganz neues Werk von dem rühmlich
bekannten Freiburger Kunsthistoriker Prof. Dr. Karl Künstle getreten ist.

Rein äußerlich betrachtet führt sich das Werk sehr vorteilhaft ein durch
einen geschmackvollen Einband, durch ein feines Kunstdruckpapier und den
sorgfältigen, sauberen lateinischen Druck. Ganz besonders steht ihm wohltuend
zu Gesichte die Einheitlichkeit des Bildermaterials. Verlag und Verfasser
haben darauf gesehen, in dieser Hinsicht hauptsächlich alte charakteristische
Darstellungen zu geben, während bei Detzel die Illustrationen auS allen
Zeiten zusammengesucht sind bis herauf in die neueste Zeit. Düsseldorfer,
Veuroner, Tournayer, Brügger Bilder sind bei Künstle nicht mehr anzu-
treffen. Fast alle Bilder stammen aus der Zeit vor 1550, und nur bei den
später kanonisierten Heiligen sind selbstverständlich auch Bilder aus späterer
Zeit verwendet, z. B. Fidelis, Ignatius, Johann vom Kreuz, Karl Borro-
mäus, Margareta Maria, Nikolaus von der Flüe, Theresia, Vinzenz von
Paul, Franz Taver. Und auch bei diesen Heiligen sind möglichst alte Dar-
stellungen gewählt. Von neueren Meistern sind nur ganz wenige Bilder ver-
wendet, z. B. von August Heß (Margareta Maria Alacoque) und Edward
von Steinle (Nikolaus von der Flüe). Diese zeitliche Beschränkung in der
Auswahl der Bilder möchten wir als einen ganz bemerkenswerten Vorzug
dieser Ikonographie bezeichnen.

Viel wichtiger und beachtlicher aber sind die inneren Werte dieser neuen
Darstellung: Wir haben jetzt zum erstenmal eine wissenschaftliche
Ikonographie der Heiligen. Schon in der Einleitung, in den hagio-
graphischen Vorbemerkungen, setzt sich Künstle mit den Urteilen der neueren
Religionshistoriker und Philologen über die „Legenden der Heiligen" aus-
einander. Letztere haben das Bestreben, die hagiographischen Texte auf den
heidnischen Heroenkult zurückzuführen. Sehr gut widerspricht ihnen der Ver-
fasser mit dem Satze: „Wir haben eS in den wundersüchtigen heidnischen und
christlichen Erzählungen religiösen Inhalts mit Parallelerscheinungen zu tun,
die ebenso wie gewisse elementare Übungen religiöser Betätigung überall da, wo
gesteigertes religiöses Leben vorhanden ist, aus der Volksseele herauswachsen."
In diesem Sinne wendet sich der Herausgeber gegen Usener, Soltau und
Bernoulli und besonders gegen Lucius, die in der Verdächtigung der hagio-

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