Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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Jer Kstschluß Der Erlösung" in Der Kunst

Von Stadtpfarrer Weser (Söflingen).

Ein Thema, das wohl in der Ikonographie noch nie oder jedenfalls nur
in geringfügiger Weife behandelt worden ist, soll uns im folgenden beschäf
tigen: die Darstellung des „Ratschluffes der Erlösung".

Darunter ist zu verstehen die bildnerische Erfassung eines Gegenstandes
mystischer Betrachtung, nämlich der vorzeitlichen Willensbestimmung Gottes,
der Dreifaltigkeit, den Plan des Heiles der gefallenen Menschheit ins Werk
zu setzen. Letzten Endes könnte man fast jedes Bild der Dreifaltigkeit, die
Bilder von der Taufe Jesu, die Gerichtsbilder, ebenfalls als Bilder des Rat-
schlusses Gottes bezeichnen. Besonders muten die Bilder der Verkündigung
Mariens als solche an.

Allein es handelt sich hier um die Vorzeitlichkeit des göttlichen Er-
lösungswillens, und darum fallen diese Bilder außerhalb des Rahmens unserer
Betrachtung. Die Werke der Kunst, die uns hier interessieren, suchen in das
Leben und Wirken der Gottbeit einzudringen und etwas darzuftellen, was sich
von Ewigkeit her im Schoße der heiligen Dreifaltigkeit geborgen hat. Kein
Zweifel, daß die Kunst hier mit großen Schwierigkeiten zu ringen hat. Jedoch
ist dieselbe doch nur die Wege gegangen, die ihr die tbeoloaische Spekulation,
die mystische Seelenerbebnng, die religiöse Literatur, die Predigt des Mittel-
alters gewiesen hat.

Vielleicht ist schon die Hand Gottes, die auf vielen Bildern aus den
Wolken herabkommt, eine Darstellung des Ratschlusses Gottes. Wenn in den
Mosaiken der Basilikalapsiden von 500-800 Christus in menschlicher Ge-
stalt erscheint und die Hand Gottes über ihm einen Kranz hält, während der
Heilige Geist in Gestalt der Taube neben ihm schwebst), so ist das schon nicht
mehr eine reine Darstellung der Dreifaltigkeit, sondern es ist damit die Ver-
herrlichuna Christi als des Vollbringers deS Ratschlusses der Erlösung auS-
gedrückt. Der Kranz bedeutet den Lohn des ewigen Lebens für die treue Er-
füllung des Gesetzes Gottes, was man auch als Hetoimasi'a bezeichnet. Die
genannte Darstellung findet sich in einer Mosaik in S. Cosma e Damiano
zu Rom (6. Iahrh.). Hier ist die Hand nach oben gerichtet. Manchmal ist sie
nach unten gestreckt und in einen Nimbus. Kremnimbus, einaeschlosscn.

Auch manche Bilder von ,,M a r i ä V e r k ü n d i g u n g", die nicht so sehr
die Begebenheit, als vielmehr das Geheimnis der Inkarnation schildern
wollen, sind wohl vielmehr Darstellungen des Heilsratschlusses Gottes, wenn
auf ihnen Gott Vater in einem Licht- oder Engelkreise auf die Srene herab-
schaut. wie r.B. auf zwei Annuntiationsbildern von Angeliko, oder wenn
dabei Gott Vater den Erlöser 46 ein das Kreuz tränendes Kind herabschickt,
dem die Taube des Heiligen Geistes vorausfliegt (Giovanni Santi in der
Brera zu Mailand), oder wenn Svinello Aretino an der Kirche S. Annun-
ziata zu Arezzo den Heiligen Geist mit dem Embryo Christi von Gott Vater

i) Müller ii. MotheS, Illustriertes Archäol. Wörterbuch 1877, Dreieinigkeit I, 342 und Gott
Vater I 483 f. Figur 609.

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