Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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auf Maria Herabkommen läßt, oder wenn am Seitenportal der Marienkapelle
zu Nürnberg vom Munde des in einer Wolkenmandorla sitzenden Gott Vaters
ein schlauchartiger Hauch zum Ohre der gegenüber Gabriel knienden Jungfrau
führt, und auf dieser Hauchlinie sich das liegende Jesuskind Maria entgegen-
bewegst).

Ohne weiteres wird zugegeben, daß in den bisher genannten Werken der
Gedanke des Ratschlnffes Gottes nicht mit ganz überzeugender Klarheit aus-
gedrückt ist. Besonders wollen wohl die Bilder der Verkündigung eher mehr
oder weniger klar den Modus der Inkarnation darlegen.

Dagegen können die nun folgenden Bildwerke nicht in den Rahmen der
Schilderung aus dem Leben Jesu und Mariens einbezogen werden. Es ist ein
außerweltlicher Schauplatz, auf den sie hinführen, und es sind überweltliche
Dinge, die sie künden.

I. Vor allem ist es das Rundbild bei Müller und Mothes^), das als
„Dreieinigkeit" bezeichnet wirdH. Es stammt aus dem IO. Jahrhundert und
befindet sich in der Akademie zu Florenz. In einem mit vier Linien gezogenen
Kreis, dessen beide mittlere Linien mit kleinen Kreisen oder Knöpfen orna-
mentiert sind, ist in der unteren Hälfte ein Segment einbeschrieben mit sechs
Linien, die dasselbe Ornament einschließen. Dieses Segment bildet den Sit;
für Gott Vater mit Kreuznimbus, der seine Rechte segnend erhebt (drei
Finger ausstreckend, zwei einbiegend) und in seiner Linken ein anfgescblagenes
Buch hält. Eng an ihn geschmiegt sitzt Gott Sohn zur Rechten des Vaterö,
ebenfalls im Kreuznimbus; seine Linke ist auf ein Buch gelegt, das auf das
linke Knie gestellt ist; seine Rechte ist seiner Brust zugewendet. Seine Füße
sind nach unten gekreuzt und wie die Hände mit Wundmalen versehen. Sie
stehen auf einem unten zusammengekauerten Teufel, auf den sich auch der rechte
Fuß Gott Vaterö aufsetzt. Zur Rechten Christi nun sitzt Maria, auf deren
rechtem Arme das Jesuskind ebenfalls mit einem Buche in seiner Rechten
sitzt. Maria trägt eine Krone in ähnlicher Ornamentierung wie der Kreis.
Auf ihrer Krone steht die kreuznimbierte Taube des Heiligen Geistes, die zum
rechten Ohr Mariens sich herabneigt.

2) Zur Erklärung dieses eigentümlichen Bildwerkes sei auf das folgende verwiesen. Der Dichter
Jnvenkus in seiner „Evangelischen Geschichte" sagt:

„Dann bracht' ebenderselbe Gesandte von oben den größeren Auftrag, nieder sich lassend zum 0 h r c
Mariens, der Jungfrau." Lehner, Marienverehrung, 1881, S. 257.

Eine dem Theodot zngeschriebene Predigt „ans die Gottesgebärerin und Symeon" enthält das Wort:
„Durch das Gehör empfing Maria, die Propbetin, den lebendigen Gott." Lehner, S. 211.

In der „Goldenen Schmiede" des Konrad von Würzburg, Vers 1970 ff., heißt cs:

Er vlouc durch diner oren tor
dar in dine herze Ilse.

Via Zequentia de s. Maria sagt:

dir cham ein chient,

frowe, dur din o r e. Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch, S. 439.

Im Hymnus de 7 gaudiis BMV des Hortulus animae 1516, S. 39, liest man:

Gaude virgo, maler Christi
quem per au rem concepisti.

8) Archäol. Wörterbuch, I, 342, Fig. 388.

4) Auch von Detzel, Ikonographie 1894, I, S. 60, Sig. 28, mit dem Zusatz: „Dreieinigkeit nebst
Maria und Jesuskind".

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