Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

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zum Bild der Taube ansteigt und sich der rechten Schulter des Sohnes zuneigt.
Dieser Schlüssel ist von der Kunstschriftstellerin Mela Escherich") als der
Schlüssel bezeichnet, mit dem ein Engel einst die Hölle verschließe, „daß der
Teufel nicht mehr heraus kann" (Apost. 20, I — 3), während Hans Wend-
land') denselben als „Petri Schlüssel" erklärt. Letztere Deutung ist ganz ab-
wegig und ungerechtfertigt. Aber auch die erstere Meinung lst irrtümlich.
Denn es handelt sich hier zunächst nicht um ein eschatologischeö Problem. Es
ist vielmehr der „Clavis David", der Schlüssel Davids, gemeint, von dem es
IsaiaS 22, 22 heißt: „Ich übertrage ihm des Davidshauses Schlüssel, daß
wenn er öffnet, niemand schließe, und wenn er zuschließt, niemand öffne."
Man erinnere sich, wie dieser Schlüssel Davids auch in den auf das Er-
lösungsgeheimnis hindeutenden sieben großen O-Antiphonen vor Weihnachten
erscheint. Der Künstler bat sein Bild mit diesem Hinweis auf die Weihnachts-
liturgie ausgestattet.

Will man den Gedanken der drei Symbole: Schlüssel, Buch und GotteS-
lamm, ausschöpfen, so wird zu sagen sein: Die Liebe des Heiligen Geistes
erschließt die erbarmungSreichen Tiefen des Vaterherzens Gottes, der seine
Macht zur Erlösung dem Sohne überträgt. Gott Vater enthüllt das Buch
seiner liebevollen Ratschlüsse vor dem Sohne, der das Wort spricht: „Drum
sag ich: Sieh, ich bin bereit zu dem, was in der Bücherrolle (in capite libri)
mir ist vorgeschrieben" (Psalm 39, 8). Er übernimmt sein Amt als „das
Lamm, das seit der Welterschaffung schon geschlachtet ist" (Apost. 13, 8), von
dem Isajaö 16, I spricht, wenn er betet: „Sende das Lamm, den Beherrscher
der Erde", und von dem eö heißt (Apost. 17, 14): „Und das Lamm wird
siegen."

Auf demselben Gemälde von Konrad Witz ist neben der bisher geschil-
derten DreifaltigkeitSszene noch wie als Erfüllung des Ratschlusses Gottes
eine Begegnung Mariä mit Elisabeth. Die beiden Frauen mit Inschrift-
nimbus begrüßen sich. Unter der Brust Mariens ist ein sitzendes Jesuskind auf
bas Kleid gemalt, während auf dem Gewände der Elisabeth ein kniendes
IohanneSkind sich abhebt.

Konrad Witz hat die Auffassung des Ratschlusses Gottes in besonderer
Weise bereichert durch die Einfügung der Symbole, und die ursprünglich ein-
fache Darstellung mit besonderem Glanze gezeichnet. Bei ihm erscheint der
Heilige Geist nicht mehr als menschliche Person, sondern in der Gestalt der
<anbe. In der sorgfältigen Einschreibung der Namen in den Nimbus, die sich
ia auch sonst in seinen Gemälden findet, zeigt er eine fast übertriebene Ge-
nauigkeit. Wie im Livre d'heureS Christus ganz in den Mittelpunkt der Zeich-
nung gerückt ist, so ist bei Witz Gott Sohn zwar nicht im Mittelpunkt des
<hronuö, aber in die Mitte des Gemäldes gestellt, und zwar noch halb aufrecht
hingestellt zur Hervorhebung seiner Persönlichkeit.

4. Ganz im Gegensatz zu der breiten und redseligen Auffassung des Kon-
nad Witz steht Matthias G r ü n e w a l d in seinem T y m p a n o n b i l d

") Zeitschrift für bildende Kunst, 58. Ig. 1924/25, Seemann, Leipzig, im Aufsatz: Neue Ergebniste
«ber Konrad Witz, S. 191.

') Hans Wendland, Konrad Witz, Bafel (Schwabe), 1924.

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