Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 41.1926

Seite: 62
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deS Isenheimer Altars. Es handelt sich um die beiden bislang so rätsel-
haften Figuren im Tympanon der Engelkonzertkapelle deS Meisters: Ein alter
Mann sitzt auf einem Thronseffel und segnet mit erhobener Hand einen vor
ihm knienden Mann, der seine Hände betend zu ihm erhebt. In der Studie
über den Isenheimer Altar") ist der Nachweis dafür zu erbringen gesucht, daß
die bisherigen Deutungen dieser beiden Figuren auf Abraham und Melchi-
sedech, oder aus Abraham und Eliezer, oder auf Abraham und Isaak, oder auf
Gott Vater und Abraham, oder auf Isaak und Jakob nicht befriedigen
können. Es ist vielmehr in den beiden Gestalten Gott Vater und Gott
Sohn näherhin die Übernahme des Erlösungswerkes durch Gott Sohn, also
ein Ratschluß der Erlösung zu sehen, dessen Darstellung von Grünewald ans
die einfachste Formel gebracht ist. Cr hat auch den Heiligen Geist weggelassen,
weil dessen Symbol, die Taube, auf dem nebenan gemalten VerkündigungS-
bild schon erscheint. Ganz bezeichnend ist hiebei, wie Grünewald bei der Zeich-
nung von Gott Sohn als Kniefigur sich an das Bildchen im genannten Livre
d'henres anschließt, wo Gott Sohn ebenfalls vor dem Vater kniet. Wir haben
also bei Grünewald die allereinfachste Darstellung des Ratschlusses Gottes,
die, wenn auch fast verborgen und als Nebenfigur auf seinem Altarwerk auf-
tretend, doch ideell den Hauptgedanken seiner Bilderreihe ausdrückt und be-
sonders in ihrer Beziehung zur unten knienden Maria in der Erwartung nicht
übersehen werden kann. Man vergleiche hiemit nun nocheinmal das Bild von
Witz, auf welchem durch die Beifügung der Begegnung Mariä mit Elisabeth
zum Ratschlußbild dieselbe Beziehung hergestellt ist. Erinnert man sich dabei
noch der Schilderung der Schwester Mechtild von Magdeburg"), so dürfte sich
unzweifelhaft ergeben, daß Grünewald mit seinem Tympanonbild den Rat-
schluß der Erlösung gemalt hat.

5. Ein ganz eigenartiges Gemälde vom Ratschluß der Erlösung stammt
von Gentile da Fabriano, etwa ans dem Jahre 1425. Dasselbe be-
findet sich in der Sakristei von S. Niccolo in Florenz: Gott Vater, umgeben
von einer Cherubimglorie, sendet die Taube des Heiligen Geistes zu Maria
lind Christus herab, welche miteinander auf dem Regenbogen knien, der den
von der Sonne beleuchteten Goldhimnrel überspannt"). Man könnte vielleicht
versucht sein, das Bild als eine Verherrlichung Mariä in der Aufnahme in
den Himmel zu betrachten. Doch ist das nicht angängig, weil Jesus und Maria
auf der Iris kniend gegeben sind. Auch auf diesem Gemälde ist also die bild-
hafte Einbeziehung Mariens in den Ratschluß der Erlösung ausgedrückt, wie
wir es schon bei dem ersten in unserer Bilderreihe gesehen haben.

Ilu folgenden möchten wir drei Werke zusammenfassen, die eine von den
vorhergehenden Bildern ganz verschiedene Art der Auffassung des Ratschlusses
Gottes darbieten. Sie haben das miteinander gemein, daß sie den Sohn
Gottes und den Heiligen Geist gar nicht darstellen, sondern nur die Person deö
Vaters mit Maria zusammen enthalten.

s) Weser, Zur Ikonographie des Isenheimer Altars, im Archiv f. christl. Kunst XL 1925, S. 65 ff-

®) Weser a. a. D. S. 66.

lfl) Crowe-Cavlalcaselle, Gesch. der italienischen Malerei, 1871, IV, S. 115.

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